Eine Wucht in „Mephisto“: Thomas Schmauser als Hendrik Höfgen. © Smailovic
Berlin im Mai. Die Stadt trumpft auf in ihrer grünen Pracht der großen alten Bäume. Tempelartig schmücken sie den Vorplatz des Festspielhauses. Hauptsächlich dort findet seit einer Woche das jährliche Theatertreffen der deutschsprachigen Bühnen statt. Eine Jury lud die ihrer Meinung nach zehn bemerkenswertesten Inszenierungen ein. Und zur Halbzeit lässt sich sagen: Alle ausverkauften Vorstellungen brauchen die Konkurrenz der üppigen Natur nicht zu scheuen. Interessante Themen, große schauspielerische Leistungen und interessante Befragungen der Stücke – sie könnten dieses 63. Theatertreffen zu einer Erfolgsnummer machen.
Dazu dürften die Münchner Kammerspiele ihren nicht unwesentlichen Beitrag leisten. Zunächst mit ihrer in Berlin gefeierten Inszenierung nach Klaus Manns Roman „Mephisto“. Grundtenor des Stücks: Wie und warum ließ sich in der Nazizeit ein großer Schauspieler und Intendant willig vereinnahmen von dem Verbrechersystem des Faschismus? Was die Sache in Berlin zusätzlich interessant machte, ist die Tatsache, dass die Münchner im Deutschen Theater gastierten. In jenem Haus, das die Vorzeigebühne der ehemaligen DDR und das Musterbeispiel für die Ambivalenz von künstlerischer Genialität und politischer Untertänigkeit war. Ob diese spezielle Pikanterie dem Team um Regisseurin Jette Steckel und ihrem Hauptdarsteller Thomas Schmauser bewusst war? (Das „Wallenstein“-Gastspiel der Münchner erfolgt in der zweiten Festival-Woche.)
Zum Auftakt des Theatertreffens wurde ganz groß aufgespielt. Das Schauspielhaus Zürich präsentierte eine Bühnenversion des Romans „Il Gattopardo“ (Der Leopard) von Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Es geht um Sizilien und den Epochenumbruch Ende des 19. Jahrhunderts. Zeitenwechsel. Durchaus aktuell. In der Inszenierung von Pinar Karabulut ein Augenschmaus. Und ein wunderbares Ensemble mit dem faszinierenden Markus Scheumann an der Spitze. Dennoch: eine langwierig erzählte Geschichte. Zu viel Prosa fürs Drama.
Anders verhält es sich mit einer weiteren literarischen Umsetzung für die Bühne. Gespielt wurde im Berliner Ensemble Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“, der „innere Monolog“ einer höheren Tochter der Wiener Gesellschaft, deren Leben eine dramatische Wende nimmt: Sie soll für ihren bankrotten Vater den Kunsthändler Dorsday um eine hohe Summe Geld bitten. Ein Gastspiel des Volkstheaters Wien. In der Regie von Leonie Böhm wird das Spiel der Julia Riedler zum absoluten Triumph der Schauspielkunst. Sie spielt nicht, sie ist einfach. Sitzt zunächst im Publikum, führt vom Parkett sowie von der Bühne immer wieder den Dialog – mit jungen Leuten im Rang oder älteren Herrschaften in der dritten oder neunten Reihe, und es erscheint mühelos und so „normal“. Bei aller Leichtigkeit und Brillanz teilt sich trotzdem mit, wie aktuell Machtmissbrauch, Scham und Doppelmoral nach 100 Jahren noch immer sind.
Da nimmt sich das Gastspiel aus Basel mit der „Glasmenagerie“ von Tennesse Williams eher bescheiden aus. Eine große Zitterpartie, denn die Bühne war ausgestattet mit diversen Vibrationsplatten. Auf diesen Fitnessgeräten hatten die durchgerüttelten Williams-Figuren keine Chance. „Einfälle sind die Läuse des Theaters“, wusste einst Altmeister Heinz Hilpert. Das sollte man der Regisseurin Jaz Stewart-Woodcock unbedingt einmal sagen.SABINE DULTZ