Max Schmeling in Bronze. © Kai-Annett Becker
„Wir schauen uns die Zeit aus der Zeit heraus an“, sagt Fachbereichsleiterin und Kuratorin Karin Althaus bei der Vorbesichtigung im Münchner Lenbachhaus. Ihre Zeitzeugen für die neue Ausstellung „Ein Ferngespräch – Szenen aus der Weimarer Republik“ sind Künstlerinnen und Künstler dieser Ära. Naturgemäß die malenden, aber auch in Zitaten die schreibenden: von Vicki Baum über Oskar Maria Graf und Irmgard Keun bis Alfred Döblin, Marie Leitner und andere mehr. Damit sie authentisch zur Geltung kommen, so Co-Kurator Adrian Djukić, gehe man nicht rückblickend von der NS-Phase aus, sondern wolle all den Aufbruch und die Anknüpfungspunkte zu heute zeigen.
Tatsächlich macht beides die Zwanzigerjahre so faszinierend für uns. Dass das Lenbachhaus seinerseits als Museum der Stadt München damals gegründet und 1929 eröffnet wurde, gibt der Schau einen besonderen Schub. Und zwar weg vom Berlin-Klischee, weg von dem Trugbild der Goldenen Zwanziger oder vom Tanz auf dem Vulkan. Unterstützt wird das Konzept vom Stadtmuseum (überwiegend Fotografien) und von Schätzen aus einer Privatsammlung – und vom Büro Alba. Es formt das Projekt zu einer pfiffigen Einheit aus Kunst- und Geschichtsausstellung. Hellblaue Würfel und Tafeln, neben gedruckten Texten Hinweise in Schreibschrift samt Zeitstrahl von 1918 bis 1933 lassen die Fülle an Werken und Informationen gut verdaulich werden. Eine Wohltat für alle, die ihren Geschichtsunterricht fad fanden/finden. Einziges Manko: Die Räume sind arg klein für das üppige Angebot.
„Das Ferngespräch“ beginnt mit dem klassisch-neusachlichen Gemälde von Käte (sic!) Hoch (wir treffen sie auch im Selbstporträt). Ihr Freund „Dr. E. Müller-Kamp“ (1929) schaut uns in die Augen, während er in den Hörer lauscht; wahrscheinlich muss er warten, bis ihn das Fräulein vom Amt verbindet. Schreibmaschine, Block und Zigarette – sie hält er zwischen den Fingern, nicht den roten Stift – kennzeichnet ihn als Kopfarbeiter. Die Situation wird nüchtern geschildert, wären da nicht die geradezu ätherische Glühbirne, der geheimnisvolle Briefumschlag, der kesse Manschettenknopf und das wunderbare Blau des Email-Schälchens. Noch kesser der daneben zu lesende Text „Das Ferngespräch“ von Paul Panter (sic!) alias Kurt Tucholsky für die Pfingstausgabe 1927 der „Vossischen Zeitung“. Er mahnt sarkastisch, gefälligst dialektfrei zu telefonieren, damit der Abhör-Geheimdienstler ja alles mitbekomme.
Diese Extreme von Heiß-Kalt durchziehen die vielen, vielen Themen der Schau zwischen „Der Kinnhaken“, „Anarchist* innen“, „Der Bubikopf“ und „Inflation“. Beim Boxen gibt es den schönen Männerkörper als Statuette „Max Schmeling“ von Rudolf Belling (1929) oder bei Karl Hubbuch die stiernackige Zuschauermeute (1933/34). Beim Nachtleben heiteren Sex beim oft hinterkünftigen Heinrich Maria Davringhausen oder Gewalt gegen die Frau bei Otto Dix. Extravagante Mode für exzeptionelle Damen stellen Eva Regine Hildenbrands Marionetten (Puppentheater-Sammlung des Stadtmuseums) vor, während Grethe Jürgens mit dem Gemälde „Frisierpuppen“ (1927) in eine fantastische Zone von Realität und gleichzeitig Surrealität vordringt.
Bei jedem Kapitel lässt sich etwas Besonderes entdecken und immer wieder die Vielfalt der Neuen Sachlichkeit. Bei „Die Prothese“ etwa verwandelt Heinrich Hoerle 1930 die „Drei Invaliden“ in Roboter-Menschen. Er hatte den Ersten Weltkrieg erlebt. Ahnte er den Zweiten? Oder bereits unsere Cyborgs? Wird hier Mitgefühl malerisch durch geometrische Formen ausgetrieben, zeigt sich Empathie bei den überraschend zahlreichen Kinderbildern so tief menschlich wie qualitätsvoll. Dieser ehrliche Respekt vor jungen Menschen, ob nun bei Josef Scharl, Rudolf Schlichter oder Hans Grundig, ist bewegend.SIMONE DATTENBERGER