Die Welt als Wimmelbild

von Redaktion

Petra Morsbach legt mit „Orion“ einen Roman der leisen Wahrheiten vor und liest in München

Die Starnberger Autorin Petra Morsbach hat mit „Orion“ einen weiteren lesenswerten Roman vorgelegt. © Penguin

Lohnt es sich, auf vielen hundert Seiten ein durchschnittliches, um nicht zu sagen eintöniges deutsches Frauenleben zu begleiten? Die Antwort ist ein klares Ja, wenn Petra Morsbach – sie wird am 1. Juni 70 Jahre alt – uns zu dieser zutiefst persönlichen Reise von den Sechzigerjahren bis heute mitnimmt. Die seit vielen Jahren am Starnberger See lebende, preisgekrönte Autorin hat sich mit Werken wie „Justizpalast“ (2017) als tiefschürfende, dabei unsentimentale Erzählerin einen Namen gemacht.

Ihr neuer Roman „Orion“ ist die Autobiografie von Nora Meyer, die es mit Fleiß und kühlem Verstand aus einer bildungsfernen Umgebung zur Lehrerin im Münchner Süden bringt. Die Ehe mit dem steifen Archivar Theseus misslingt, die Beziehung zum Sohn bleibt distanziert, die Familie in Westfalen eine Randnotiz. Die wesentlicheren Konstanten ihres Daseins sind ihre Bücher, an denen sie ihre Weltsicht schult, die Liebe zur Sprache, ihre Schüler und Kollegen. Als Berater stehen ihr die Philosophen der griechischen Antike zur Seite. Und in „Liebesfragen hielt ich mich an die Romane der Schwestern Bronte“.

Mit Noras Augen sehen wir die Milieus, in denen sie sich bewegt, so genau (und unterhaltsam) wie kleine Wimmelbilder unter einem Mikroskop – etwa das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München, das Gymnasium in Aichach, später die Rehaklinik in Hochried. Ernsthaft studiert sie diese Welten und ihre Akteure, auch für uns. Weiter verhandelt Petra Morsbach durch Nora große Fragen unserer Kultur. Was ist ein gutes Leben? Gelingt es mit Literatur besser? Macht der klassische Bildungskanon noch glücklich? Oder ist die ganze Leserei am Ende doch nur Eskapismus?

Die kluge, unbestechliche Ich-Erzählerin lässt dafür kein Thema aus: Männer, Sex, Mutterschaft, Pädagogik, Feminismus, Kirche, Krieg, Migration, das Altern – sie beobachtet, beschreibt, bedenkt, vergleicht, zitiert. Und sagt: „Je älter ich wurde, desto weniger verstand ich das Leben.“ Nur so viel, dass jedes Buch eine ganze Welt, und jeder Mensch ein Buch ist. Man kann es lesen oder nicht.

Als Nora schließlich wegen einer ernsten Erkrankung den Schuldienst quittieren muss und als Quereinsteigerin zur Monacensia wechselt, berühren sich Fiktion und Realität. Erst vor Kurzem wurde bekannt, dass das Münchner Literaturarchiv den Vorlass von Petra Morsbach erworben hat.STEFANIE LEHMBERG

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