Schreibt mitreißend: Caro Claire Burke. © Heyne
Dass Menschen, die über die Sozialen Medien kurze Videos mit unterschiedlichsten Inhalten hochladen, ein Millionenpublikum erreichen, dürfte längst bekannt sein: Die sogenannten Influencer decken mittlerweile jede Interessensnische ab. Dabei verdienen sie Millionen, denn hohe Klickzahlen werden von Werbepartnern und den Plattformen selbst vergoldet.
Ein Influencer-Subgenre, das sich seit einigen Jahren vor allem unter christlich-evangelikalen Konsumentinnen in den USA großer Beliebtheit erfreut, hat auch im deutschsprachigen Netz Nachahmerinnen und Fans gefunden: sogenannte „Tradwives“. Das sind Frauen, die vermeintlich einfach ihren Familienalltag teilen, oft sind sie jung und attraktiv, haben viele Kinder und führen Ehen, in denen der Mann das Sagen und die Frau die Arbeit hat. Sie filmen sich beim Brotbacken und Wäschewaschen, zeigen, wie ihre Kinder draußen spielen oder wie die ganze Familie gemeinsam den Gottesdienst besucht. Durchsetzt sind diese Videos nicht nur mit Werbung, auch mit mehr oder weniger unterschwelligen Botschaften, die ein Familienbild aus vergangenen Zeiten propagieren: der Mann als Oberhaupt der Familie, der Entscheidungen trifft und die Finanzen im Griff hat; die Frau als Hüterin des Herdfeuers und selbstlose Kümmerin, die nichts in Frage stellt und ihre Erfüllung als Ehefrau und Mutter gefunden hat.
Eine solche Tradwife ist Natalie, die Protagonistin des Debütromans „Yesteryear“ der US-Autorin Caro Claire Burke. Tief verwurzelt in ihrem Glauben an Gott als auch an den kapitalistischen Traum der USA, erreicht sie mit ihren Familienvideos samt Wildwest-Ästhetik ein Millionenpublikum. Von den beiden Nannys, die sich die meiste Zeit um die fünf Kinder kümmern, sowie der Produzentin, die ihre Hochglanz-Videos filmt, ahnen ihre Fans nichts. Und dann erwacht Natalie eines Morgens in ihrem Haus und stellt fest, dass Geschirrspüler, Mikrowelle, Zentralheizung und die Nannys verschwunden sind – und sie sich offenbar tatsächlich in der Realität der Pionierzeit befindet, die sie ihren Fans bislang nur augenzwinkernd vorgespielt hat.
Es gibt mindestens zwei reale Influencerinnen aus den USA, die Burke bei der Konzeption ihrer Protagonistin als Vorbild gedient haben könnten. Eine von ihnen lebt mit ihrem Mann und den neun Kindern auf einer Farm in Utah, auf Instagram folgen der 35-Jährigen mit ihren betont bodenständigen Videos zehn Millionen Menschen. Die andere war einst eine berühmte Familien-Influencerin, bis sie wegen Kindesmisshandlung im Gefängnis landete.
An „Tradwives“ entzünden sich seit Jahren kontroverse Debatten. Da geht es um Kinderrechte und Feminismus, um harmlose Authentizität und subversive religiös-politische Stimmungsmache. In der Literatur wurde das Phänomen etwa im Thriller „Everyone is lying to you“ der US-Autorin Jo Piazza behandelt oder im Roman „Heimat“ der deutschen Journalistin Hannah Lühmann. Burkes Debüt nun setzt neue Maßstäbe in Sachen Tradwife-Literatur: „Yesteryear“ ist rasant, witzig, spannend – und trifft an so vielen Stellen den Nagel auf den Kopf, dass man den metaphorischen Hammer gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Ein mitreißender Roman, der die Tradwife-Debatte noch einmal anheizen dürfte. Eine Verfilmung ist in Planung.JOHANNA SCHULTHEISS
Caro Claire Burke:
„Yesteryear“. Heyne, 464 Seiten; 24 Euro.