Ein wohliges Klangbad richteten Tarmo Peltokoski und die Philharmoniker bisweilen an. © Sebastian Widmann / mphil
Tarmo Peltokoski ist erst 26 Jahre alt und ein Phänomen. Musikdirektor in Toulouse, bald in Hongkong, gehandelt wie eine Aktie, von der alle große Steigerungen erwarten. Eine Auszeit liegt hinter ihm, von Burn-out war die Rede. Vor den Münchner Philharmonikern steht er am Pfingstsonntagvormittag breitbeinig, Füße nach außen, Knie durchgedrückt. Etwas ungelenk wirkt seine Schlagtechnik, nervös hopst er übers Podium. Aber Dirigieren muss nicht schön aussehen, wenn es trägt.
Eingangs trägt es nur bedingt. Sibelius’ „Finlandia“ beginnt wuchtig und etwas flächig; die Mittelstimmen geraten bisweilen recht dick, der Klang könnte fundierter, schärfer geschichtet sein. Im hymnischen Mittelteil findet Peltokoski zu inniger Ruhe. Nicht glühend, eher warmwindig durchwärmt: ein wohliges Klangbad im HP8.
In Prokofjews drittem Klavierkonzert zeigt sich der Finne als guter Koordinator. Am Steinway sucht Behzod Abduraimov, kurzfristig für die erkrankte Yuja Wang eingesprungen, kein Star-Gebaren. Er spielt dienend, subtil, fast kammermusikalisch, als wolle er sich unauffällig einfügen. Das nimmt dem ersten Satz Fiebrigkeit; die Farben sind weniger grell, als man sie von Wang hätte erwarten können, aber nicht minder eindrücklich. Im zweiten Satz könnte manches delikater ausgeleuchtet sein, im Finale fehlt der letzte Biss. Vielleicht müsste Peltokoski Abduraimov auch mehr Raum lassen. Der Usbeke fordert ihn aber auch nicht aktiv ein. Ein Patt zwischen zwei höflichen Männern.
Nach der Pause wird es dann ganz groß. Ralph Vaughan Williams’ zweite Symphonie, die „London Symphony“, ist ein programmmusikalischer Gang durch die Themse-Metropole: Westminster, Bloomsbury, Straßengeräusche, Nebel, Glocken, Abschied. Der Anfang wächst wunderbar aus dem Ungefähren, flirrend, weit gespannt, dann brechen die Eruptionen machtvoll auf. Der zweite Satz wird zum Höhepunkt: große Piani, weiter Klangraum, bildschönes Englischhorn, Bratschen von dunkler Noblesse.
Danach verliert Peltokoski etwas den Bogen. Im dritten und vierten Satz schwindet die Spannung, die Form hält nicht ganz. Die Schwere dieses Abschieds von England als Weltreich ist auskomponiert; Peltokoski zelebriert sie aber nicht mit letzter Konsequenz. Am Ende hält er wie einen Pokal die Partitur ins Publikum. Die Aktie steigt – aber der große Kurs kommt erst, wenn er aufhört, das zu wissen.WILLI PATZELT