Vom Milchgesicht zum Mafia-Killer

von Redaktion

Das Erfolgsgeheimnis von Schauspieler Tom Schilling („Achtsam morden“ )

Blutig, aber entspannt: Tom Schilling in der Netflix-Serie „Achtsam morden“. © Netflix

Er galt schon als Prototyp des neuen Mannes, bevor die Genderdebatte richtig Fahrt aufgenommen hatte: Tom Schilling wirkt auch mit seinen 44 Jahren noch jungenhaft und fragil, er verkörpert den Gegenentwurf zum testosterongesteuerten Helden alter Schule. Genau deshalb ist er die Idealbesetzung für die Hauptrolle in der heiter-makabren Serie „Achtsam morden“, deren zweite Staffel am 28. Mai bei Netflix startet: Tom Schilling dabei zusehen, wie er als gestresster, laufend herumgeschubster Anwalt und Familienvater zum Killer mit trügerischem Milchgesicht wird, ist großes Kino.

Lange Zeit kannte man Tom Schilling vor allem von der großen Leinwand. In „Werk ohne Autor“ verkörperte er eine an den Künstler Gerhard Richter angelehnte Figur, in „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ ging es um den moralischen Verfall der Weimarer Republik. Aber so wie viele andere Filmstars hat er längst Serien als Bühne für sich entdeckt, und ohne ihn würde das unterhaltsame, aber etwas zu glatt wirkende „Achtsam morden“ viel von seinem Reiz einbüßen.

Für Netflix war die 2024 gestartete erste Staffel der Krimikomödie nach den Bestsellern von Karsten Dusse ein enormer Erfolg: In 66 Ländern schaffte die Serie den Sprung in die Netflix-Top-Ten. Tom Schilling verkörpert den ausgebrannten Berliner Familienvater und Verteidiger Björn Diemel, dem brutale Bandenchefs das Leben schwer machen. In einem Achtsamkeitskurs findet er Erleuchtung: Björn münzt die Ratschläge seines Therapeuten für seine Zwecke um, räumt seine Gegner aus dem Weg und bleibt dank seines neuen Mindsets auch in Extremsituationen cool. Rund ein halbes Dutzend Leichen gehen in der ersten Staffel auf sein Konto.

In der zweiten Staffel leitet Diemel heimlich gleich zwei Mafia-Clans. Offiziell besitzt er einen privaten Kindergarten, der aber vor allem als seriöse Fassade für seine illegalen Geschäfte dient. Das alles stresst ihn so, dass er wieder zum Therapeuten geht. Der rät Björn, sich mit seinem inneren Kind auszusöhnen – prompt wird sein etwa achtjähriges Alter Ego zu seinem nur für ihn sichtbaren Begleiter.

Natürlich ist „Achtsam morden“ eine satirische Abrechnung mit dem Mode-Thema Achtsamkeit und setzt dabei auf makabren Slapstick und trockenen Humor. Tom Schilling nimmt das Thema indes ernst. „Achtsame Menschen begegnen jedem nur mit größtem Wohlwollen. Lebten mehr Menschen achtsam, dann wäre die Welt ein besserer Ort“, ist er überzeugt. Er selber hat drei Kinder, lebt in Prenzlauer Berg und gibt zu: In seinem eigenen Alltag komme die Achtsamkeit zwischen Kochen, Waschen, Putzen oder Einkaufen oft zu kurz.

In seiner Jugend hatte Schilling rebellische Phasen, war kurzzeitig Punkt und Satanist mit weiß gepudertem Gesicht. Heute gilt der 44-Jährige als Stilikone: Sein Markenzeichen sind die eleganten Anzüge. Und er ist ein kreatives Multitalent. Als Schüler wollte Schilling Maler werden, mit seiner Band „Die andere Seite“ macht er sehnsuchtsvollen Chanson-Pop, und zuletzt war er Co-Autor beim Drehbuch für die Tatort-Folge „Fackel“ aus Frankfurt. Darin wirkte er aber nicht selbst mit: In herkömmlichen Fernsehkrimis sieht man ihn eigentlich nie.

Zurzeit ist Tom Schilling gefragter denn je. Der Film „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, in dem er eine Nebenrolle hat, gilt als heißer Anwärter für den Deutschen Filmpreis. Gerade hat er den Kinothriller „Zoma“ über Künstliche Intelligenz abgedreht. Mit der Rolle als Björn Diemel hat er, Fans wird es freuen, noch nicht abgeschlossen: Netflix hat eine dritte Staffel von „Achtsam morden“ in Auftrag gegeben.C. WYSTRICHOWSKI

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