Unvergessen: Das WM-Debakel um Bundestrainer Berti Vogts und seine „elf Helden“ von 1994. © NDR/ARD/picture alliance
Die großen Sportdokumentationen sind alle gut gemacht – aber einander auch sehr ähnlich. Beginn: Der Zeitzeuge setzt sich in einen Stuhl und blickt erwartungsfroh. Ende: Alles erzählt, die Zuschauerschaft verblüfft – der Zeitzeuge erhebt sich. Dieser Tage kann man richtig durcheinanderkommen, weil etliche Protagonisten doppelt auftreten. Jürgen Klinsmann als ehemaliger Nationalspieler in einer Serie zur WM 1994 und als ehemaliger Bundestrainer in der Doku zur WM 2006. Oder Harald Stenger: Vor 32 Jahren begleitender Reporter, vor 20 Jahren DFB-Pressesprecher.
Was den Formaten auch gemein ist: Man kennt die Geschichte – zumindest im Hinblick auf ihr Ende. Also ob sie gut ausgeht oder schlecht.
Rund um die WM 2026 haben sich ARD wie ZDF ins Zeug gelegt, um historische Stoffe aufzuarbeiten. Der Dreiteiler im Zweiten zu 2006 („Mission Sommermärchen“) ist bereits gelaufen, das Erste wird nach dem ersten deutschen WM-Spiel am 14. Juni „Elf Helden – Ein Albtraum“ ausstrahlen, einen Vierteiler mit einer Gesamtlaufzeit von satten drei Stunden, der schon jetzt in der Mediathek verfügbar ist.
Hinter „Mission Sommermärchen“ stehen die Macher der viel beachteten und grandiosen FC-Bayern-Serie „FC Hollywood“. Eine solch wilde Nummern-Revue ist die „Mission“ nicht geworden, doch immer noch sehr unterhaltsam. Neues? Nun, interessant ist, wie Klinsmann auf einem Toskana-Wochenende kurz vor der WM den kritischen Springer-Konzern auf seine Seite zu ziehen versuchte.
Ansonsten ist 2006 wirklich ausgeleuchtet – anders als die Geschichte der deutschen Mannschaft bei der ersten WM in Amerika, 1994. Vor nicht allzu langer Zeit war es üblich, dass Sport-Dokumentationen von Erfolgen handelten. 2023 wurde dieses Muster aufgebrochen: Während der WM 2022 in Katar war die deutsche Nationalmannschaft von Kameras begleitet worden; nach ihrem Aus in der Vorrunde dachte man, das Material würde in einen Giftschrank eingeschlossen und der Nachwelt auf ewig vorenthalten werden – doch Amazon entschied anders: Man kann auch das Scheitern beleuchten. „All or Nothing“ wurde herausragend gut.
Die WM 1994 wurde aus deutscher Sicht zum Desaster – und bietet sich dadurch als Forschungsgegenstand an. Wie konnte es dem Weltmeister von 1990 passieren, dass er das Turnier nach einer schwachen Vorrunde und nur einem guten Spiel (Achtelfinale gegen Belgien) im Viertelfinale (1:2 gegen Bulgarien) in den Sand setzte? Die entscheidende personelle Veränderung war: Als Bundestrainer hatte Berti Vogts vom Teamchef Franz Beckenbauer übernommen. Vogts, dem von allen Seiten zugesetzt wird („Bild“-Zeitung, Beckenbauer, Comedian Stefan Raab mit dem „Börti“-Lied) ist die zentrale Figur von „Elf Helden – Ein Albtraum“. Hier hat der Film seine Stärke – in den Nebengeschichten (West-Ost-Rivalität zwischen Lothar Matthäus und Matthias Sammer? Rauswurf von Stefan „Stinkefinger“ Effenberg, um im Ausland kein hässliches Deutschland-Bild entstehen zu lassen?) will er mehr sehen, als tatsächlich war.
Mehr als die Hälfte der 1994-Doku spielt in der Stadt, in der die Nationalmannschaft 2026 mit einem letzten Trainingslager ihre WM-Mission beginnt: in Chicago. Dort war vor 32 Jahren das Base Camp, ein Hilton-Klotz, in dem der DFB die oberen zwei Etagen hatte. Die gelangweilten Spieler trafen sich schon um 6 Uhr morgens auf dem Platz daneben zum Golfen, wie Sky-Reporter Uli Köhler erzählt. Genau, diese Geschichte ist von 1994. In der Dokumentation von 2006 ist Köhler ebenfalls Zeitzeuge.GÜNTER KLEIN