Sie zünden die Klang-Rakete

von Redaktion

Dreiviertelblut feiern in der Isarphilharmonie fulminant ihr Zehnjähriges mit den Münchner Symphonikern

Mit Orchester-Verstärkung: Dreiviertelblut mit Symphonikern und Rakete in der Isarphilharmonie. © Susanne Bernhard

Kurz bevor Dreiviertelblut nach drei Stunden die ausverkaufte Münchner Isarphilharmonie räumen, kommen die heimlichen Stars des Abends auf die Bühne: eine Schar blutjunger Musikerinnen und Musiker, die die Orchestrierung der Lieder übernommen haben, die die Band zuvor gemeinsam mit den Münchner Philharmonikern aufgeführt hat. Der Jubel für die jungen Talente ist berechtigt – bei so einer Versuchsanordnung muss jede Note gesetzt sein, bevor es losgeht. Seit einem Jahrzehnt werfen sich Dreiviertelblut regelmäßig in diese Ausnahmesituation. Und man gewinnt während des Auftritts den Eindruck, dass dies das jährliche Hochamt für die Gruppe rund um die musikalischen Köpfe Sebastian Horn und Gerd Baumann ist, auf das sie sich freut wie Kinder auf den Nikolaus.

Auch wenn sich auf den ersten Blick das Klangbild der „folklorefreien Volksmusiker“ mit symphonischem Klang nicht wirklich aufzwingt, entsteht da eine Dynamik, die völlig organisch wirkt. Und das liegt, um wieder zu den Heldinnen und Helden im Hintergrund zurückzukommen, an der Art, wie sich das fabelhafte Orchester der Musik von Dreiviertelblut nähert. Denn die Kräfteverhältnisse bei einer derartigen Kooperation sind eindeutig definiert: Ton und Tempo gibt das Orchester vor, es kann nicht improvisieren, die Band folgt. Und die Idee, unterschiedliche Musiker einzelne Lieder arrangieren zu lassen, erweist sich als Glücksgriff, weil man so der Gefahr der Einförmigkeit entgeht, oder wie John Lennon gesagt hätte: es wird hier keine „Muzak“, also Gebrauchsmusik, abgeliefert.

Mal ist das opulent, mal subtil, mal experimentell, und gelegentlich wird dem Affen Zucker gegeben, bis den Schlagwerkern fast die Arme abfallen. Kurzum: Es wird nie langweilig. Vom Orchester getragen, lassen sich Dreiviertelblut in diese Klangwolke fallen und bereichern sie im Schweben nuanciert und gekonnt (passend dazu ziehen sie zu „Aufn Mond“ eine richtige kleine Rakete in die Höhe). Die Band nimmt den Ansatz ernst. Wenn man die sieben Musiker beobachtet, sieht man schnell, dass ihnen die Arrangements in Fleisch und Blut übergegangen sind. Das ist harte Arbeit. Aber auch Spaß.

Genau deswegen, weil das Ergebnis der Mühen so hervorragend tönt, auch wenn Horns an sich kräftige Bassstimme ein, zwei Mal unterzugehen droht an den Stellen, an denen das Orchester voll aufdreht – Schicksal jedes Solisten. Dazwischen gibt es gekonnt inszenierte Frotzeleien und Gerd Baumanns berüchtigte Dadaismus-Ansagen, die elegant am Peinlichen entlang schlittern und in letzter Sekunde von einer Pointe gerettet werden.

Ein grandioser Abend also, der vom Publikum gefeiert wird, weil sich hier Künstler und Fans in seltener Eintracht demselben Ziel verschrieben haben: eine gute Zeit zu haben. Und das gelingt, weil man gemeinsam daran arbeitet. Gemeinsam ist ohnehin das unausgesprochene Motto des Abends, man spürt regelrecht, wie befreit der Saal auf die Abwesenheit von schlechter Laune und das Beschwören der ebenso einfachen wie wahren Weisheiten reagiert. Das Leben ist ein Geschenk, „manifestierter Sternenstaub, Oida“ wie Sebastian Horn so schön sagt, und das ist das Einzige, das zählt. Dafür haben alle unsere Vorfahren Krankheiten, wilde Tiere, Kriege und menschenverachtende Ideologien überlebt. „Mehr als mit reiner Liebe durch das Leben gehen, kann man eh nicht“ sagt Horn in der Zugabe. So ist das.ZORAN GOJIC

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