Youtube erobert Hollywood

von Redaktion

Beispiel „Backrooms“: Spannende neue Filme haben ihren Ursprung im Netz

Das Kinomarketing liebt Frauen, die Angst haben: eine Szene aus „Backrooms“. © Constantin Film

Für Steven Spielberg oder Peter Jackson war es die Super-8-Kamera. Damit probierten sie sich als Jugendliche im heimischen Garten aus und parodierten ihre Lieblingsfilme. Für die Regisseure David Fincher, Jonathan Glazer und andere waren in der MTV-Ära Musikvideos die Spielwiese, auf der sie autodidaktisch die Trickkiste des Filmemachens erkundeten. Und auch heute gilt: Die beste Filmschule ist eine eigene Kamera (nun digital, nicht mehr abhängig von teurem Filmmaterial). Plus viel naiver, neugieriger Enthusiasmus.

Schon eine Weile kommen aus dem Netz einige der spannendsten neuen Stimmen. Doch bisher blieb es meist bei Achtungserfolgen. Etwa bei der wunderbaren Prä-Highschool-Dramödie „Eighth Grade“ des Online-Comedians Bo Burnham oder dem Albtraum-Avantgardefilm „Skinamarink“ von Kyle Edward Ball.

Nun aber scheint eine kritische Masse erreicht. Die Youtube-Generation bietet dem alten Hollywood auch bei Aufmerksamkeit und Kinokasse Konkurrenz. Den Auftakt machte dieses Jahr der Gaming-Streamer Markiplier (bürgerlich: Mark Fischbach) mit seiner selbst produzierten Indie-Videospiel-Verfilmung „Iron Lung“. Der U-Boot-Horror spielte das Zehnfache seines Fünf-Millionen-Dollar-Budgets ein.

Das wird gerade von „Backrooms“ in den Schatten gestellt: mit bereits über 250 Millionen US-Dollar Einspielergebnis und noch keinem Ende in Sicht. Der Film hat seine Wurzeln tief in der Internetkultur, beim Bilderboard 4chan und in der Faszination für „liminale Räume“ – seltsame Unorte. Aus dem gelblich-gruseligen Foto eines leer geräumten Möbelladens entstand eine ganze Mythologie, die Kane Parsons, erfahren in Digitaleffekten, als Youtube-Kurzfilme umsetzte und nun auf die Leinwand brachte.

Diese Filmemacher blieben, ebenso wie die Kinder-Animationsserie „The Amazing Digital Circus“, bei ihren Online-Leisten, als sie den Schritt auf die Leinwand wagten. Doch Leute, die online mit Comedy oder Prankvideos groß wurden, geben ihren Kino-Einstand oft im Horrorgenre. Das ist seit jeher debütfreundlich, weil mit geringen Budgets weltweit vermarktbar – siehe auch Peter Jackson. Aber wo Hollywood-Studios heute konservative Moral verkaufen, sind die Filme der Youtuber psychologisch klug, schmerzhaft und wirklich verstörend.

Die australischen Philippou-Brüder machten es vor mit „Talk to Me“ und „Bring Her Back“. Nun legt Curry Baker mit „Obsession“ nach (Kinostart kommende Woche). Hollywood wollte eigentlich, dass Baker einen seiner erfolgreichen Netz-Kurzfilme zum Langformat auswalzt. Er hatte eine originellere Idee. Das Liebes-Grauen von „Obsession“ hat inzwischen selbst „Backrooms“ an der Kinokasse überholt.

Wo Spielberg oder Jackson ihre ersten Drehversuche höchstens in der Schulaula zeigen konnten, hatte diese Generation online bereits ein globales Publikum. Dass sie trotzdem auf die große Leinwand wechselt, beweist: Das Kino ist immer noch Sehnsuchtsort. Es ist nicht tot. Nur Hollywood begräbt sich selbst, wenn es allen Generationen bloß Nostalgie nach den Franchises der Achtzigerjahre verkauft. Da suchen sich die jungen Leute ihre eigenen Themen und Wege. Man muss ihnen nur eine Kamera in die Hand geben.THOMAS WILLMANN

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