Ausgezeichnet: die Autorin Carys Davies. © Verlag
Es ist die indische Hitze, die den depressiven Bibliothekar Hilary Byrd in die Berge treibt. Im südindischen Flachland, wohin er nach einem Zusammenbruch aus England geflüchtet war, hat er es einfach nicht mehr ausgehalten. Nun lebt er im kühlen Gebirge in einem Bungalow im Garten des dortigen indischen Pfarrers und dessen junger Haushälterin Priscilla, die mit zwei unterschiedlich langen Beinen zur Welt gekommen ist und als Kind jahrelang von ihrer Mutter am Flussufer im Schilf versteckt wurde. Priscillas Geschichte aber interessiert den Engländer wenig, ebenso wie die seines Rikschafahrers Janshed, des verwitweten Pfarrers Andrew oder des kanadischen Missionars, in dessen Unterkunft Byrd wohnen darf. Überhaupt scheint er sich eigentlich für nichts so richtig zu interessieren, außer für sich selbst und die Frage, wie er persönlich von seinem Aufenthalt in Indien profitieren kann.
Vielleicht ist es zu plump, in dieser Geschichte der walisischen Autorin Carys Davies ein Gleichnis für die britische Kolonialherrschaft in Indien zu lesen, es drängt sich aber geradezu auf: Der egozentrische Engländer, dem in Indien eigentlich nur gefällt, was er von zu Hause kennt (Regen! Hübsche Gärten! Englische Bücher!), befasst sich schließlich doch näher mit der indischen Haushälterin. Und in seiner engstirnigen Naivität stellt er schließlich fest: Diese Frau wird ihn vor einem Leben in Einsamkeit bewahren – und zwar, indem er sie vor Armut und Ehelosigkeit rettet. Priscilla retten will auch der christliche Pfarrer, diesmal vor einem Leben ohne Gott, und retten will sie auch der kanadische Missionar – wahrscheinlich vor allem gleichzeitig. Priscilla übrigens will und muss nicht gerettet werden: Sie sucht sich ihren Lebensweg und den Menschen, mit dem sie ihn gehen will, ganz alleine aus. Und Byrd? Dessen Streben nach Glück scheint aussichtslos zu sein, solange er nur um sich selbst kreist. Seine Mitmenschen wie solche zu behandeln, anstatt wie Erfüllungsgehilfen oder Untergebene, das scheint er nicht lernen zu wollen. Womit wir wieder beim Gleichnis wären. Bei diesem Roman, so viel ist sicher, lohnt es sich, zwischen den Zeilen zu lesen.JOHANNA SCHULTHEISS