Stefan Cordes nimmt sich die Mozart-Familie vor. © Penguin
Es soll um Mariann Mozart gehen in diesem Roman, und um eine der größten Ungerechtigkeiten der Musikgeschichte: das Fallenlassen einer hochbegabten jungen Musikerin zugunsten des Bruders, von dem sich ihr Vater größeren Erfolg erhofft. Dann geht es aber doch hauptsächlich um Wolfgang Amadeus und Leopold Mozart und um die Frage: War der Vater ein Größenwahnsinniger, der das Talent seiner Kinder ausbeutete, um seinen eigenen Aufstieg zu ermöglichen – oder war er ein Genie, das die Einzigartigkeit seines Sohnes vor allen anderen erkannte?
Es gibt viele Interpretationen der Dynamiken innerhalb der Mozart-Familie. Stefan Cordes‘ Darstellung in seinem Roman „Wir waren Wunder“ ist unbarmherzig: Sein Leopold ist ein arroganter Narzisst, der die Familie hoch verschuldet und quer durch Europa schleift, auf dass das musikalische Talent seiner Kinder an den Adelshöfen Aufsehen errege und damit ihm selbst als Entdecker und Förderer dieser „Wunderkinder“ endlich den gesellschaftlichen und finanziellen Status verleihe, der ihm seiner Ansicht nach schon immer zusteht. Leopold geht dabei beinahe über Leichen: Nach einem Unfall interessiert er sich erst dann für den Zustand seiner Kinder, als Mariann über Schmerzen an der Hand klagt und er seine Unternehmung in Gefahr sieht. Und als die Familie in die grassierende Pockenepidemie gerät, lässt er Mutter und Tochter bei den infizierten Vermietern zurück, um sich mit dem Sohn in Sicherheit zu bringen.
Die Lesenden folgen also Mariann als Stimme der Vernunft zwischen dem obsessiven Vater, dem genialen Bruder und der hilflosen Mutter. Das Ausmaß der Ungerechtigkeiten ist manchmal schwer auszuhalten – und doch ertappt man sich bisweilen bei dem Gedanken: Hatte er nicht Recht? Welch herrliche Musik wäre schließlich der Nachwelt entgangen, hätte Leopold nicht mit aller Macht seinen Sohn ins Rampenlicht gezerrt? Und andererseits: Wie hätte es sonst kommen können? Wäre Mariann ihrerseits eine gefeierte Virtuosin geworden, eine der größten Musikerinnen ihrer Zeit? Hätte Wolfgang Amadeus trotzdem die „Zauberflöte“ schreiben können? Und hätte die Familie Mozart vielleicht sogar glücklich werden können?
Fest steht: Leopold Mozart, der Musiker, förderte ein Ausnahmetalent, das der Welt unsterbliche Melodien geschenkt hat. Über Leopold Mozart, den Menschen, fällt der Roman aber ein hartes Urteil.JOHANNA SCHULTHEISS
Stefan Cordes:
„Wir waren Wunder.“ Penguin, 400 Seiten; 24 Euro.