Riccardo Simonetti liebt es, unterwegs zu sein. © Tilgner/API
Blumen, Kerzen und liebevolle Botschaften erinnern an den schrecklichen Anschlag am Rande des CSD. © Stache/dpa
Immer, wennRiccardo Simonetti(33) die Münchner Maximilianstraße entlangspaziert, erlebt er einen nostalgischen Moment. „Ich habe vor zwölf Jahren hier gewohnt und denke immer, wenn ich hier bin, oh Mann, ist das schön hier“, erzählt der Entertainer. Er liebt München und kommt immer wieder gerne an die Isar. „Ich habe so viele Freunde hier, Familie, so viele Erinnerungen, deshalb bin ich immer total glücklich, wenn ich hier bin“, schwärmt Simonetti. Zurück nach Bayern ziehen möchte er trotzdem nicht. „Ich glaube, ich habe gerade andere Bedürfnisse, die mir München nicht geben kann.“ Mit seinem Mann Stevenlebt der Autor und Aktivist in Berlin. Als Rückzugsort gehört ihm eine Finca auf Mallorca. „Am glücklichsten bin ich aber, wenn ich unterwegs bin. Ich bin nicht so viel zu Hause, das finde ich ganz schön.“
Auf seinen Reisen sammelt Simonetti Inspiration. Schon immer interessierten ihn extravagante, schillernde Klamotten. „Mein erstes ausgefallenes Outfit war mein Taufkleid mit meinem außergewöhnlichen Kopfschmuck, einem weißen Haarband mit einer großen weißen Feder. Das war mein erster Auftritt als Showgirl“, sagt Simonetti und lacht. Geboren wurde er als Sohn italienischer Eltern in Bad Reichenhall. Schon als vierjähriger Bub stand er auf der Theaterbühne, nahm danach regelmäßig Schauspielunterricht und spielte im Alter von 16 Jahren im Jugendensemble des Salzburger Landestheaters.
Mit 14 Jahren moderierte er eine eigene Radiosendung und präsentierte sich vor Fernsehkameras und Mikrofonen. Nach dem Abitur arbeitete Simonetti unter anderem beim Bayerischen Rundfunk und beim Magazin „InStyle“ in München. Durch seinen eigenen Blog „The Fabulous Life of Ricci“, auf dem er über Modetrends, Events und Reisen berichtete und auch gesellschaftskritische Themen aufgriff, erlangte der sympathische Typ mit den langen, welligen Haaren, immer mehr Bekanntheit. Er schrieb Bücher zum Thema Toleranz und Anderssein und setzte sich als Botschafter bei verschiedenen Organisationen ein. 2021 gründete Simonetti einen gemeinnützigen Verein, die „Riccardo Simonetti Initiative“, die sich für die Sichtbarkeit und Gleichberechtigung von Randgruppen einsetzt.
Denn Simonetti selbst weiß, wie es ist, ausgegrenzt und beschimpft zu werden. Auch heute noch bekommt er Hassnachrichten. „Das prallt überhaupt nicht an mir ab. Ich thematisiere das ganz oft, dass mir das zu schaffen macht, wenn ich so Dinge lese.“ Groß war deshalb auch sein Entsetzen über den tödlichen Angriff am Rande des Berliner Christopher Street Days. „Mir ist sofort richtig schlecht geworden“, schrieb Simonetti auf Instagram. Er selbst hatte am Samstag noch den CSD in Stuttgart besucht und den Tag als friedlich erlebt. Als er die Nachrichten aus Berlin las, habe er zunächst nicht glauben können, „dass das wirklich passiert sein soll“. Besonders erschütternd findet er, dass solche Ereignisse inzwischen Realität seien: „Ich bin froh, dass es den Menschen, die mir nahestehen, so weit gut geht, aber ich bin entsetzt darüber, dass Nachrichten wie diese kein Albtraum sind, sondern Realität, in der wir 2026 alle leben.“TERESA WINTER