BUCH-KRITIK

Wenn Romantik Realität trifft

von Redaktion

Ruth Maria Thomas schreibt überzeugenden Roman über Klassenunterschiede

Ruth-Maria Thomas knüpft überzeugend an ihren Debütroman an. © dtv

Bereits mit „Die schönste Version“ hat die Sozialarbeiterin und Schriftstellerin Ruth-Maria Thomas eine Debatte angestoßen – über häusliche Gewalt, über die weibliche Sozialisierung in den 2000er Jahren und über Täter-Opfer-Umkehr. Nun knüpft sie an ihren Debütroman an: In „Die zweitgrößte Liebe“ geht es um ein ganz anderes, nicht minder spannendes Thema – und das taugt ebenfalls als Diskussionsgrundlage.

Die Erzählung folgt Shelly, die in „Die schönste Version“ nur eine Nebenrolle spielte. Nun liegt der Fokus auf ihr – eine kluge Entscheidung. Denn die Figur dieser jungen Frau, aufgewachsen in prekären Verhältnissen, legt Thomas so vielschichtig an, dass es eine wahre Freude ist, sie mit jeder Seite näher kennenzulernen.

Shelly ist mittlerweile in ihren Dreißigern, ihre ostdeutsche Heimatstadt hat sie nach einer beruflichen Bauchlandung verlassen, sie ist verschuldet, desillusioniert und kommt mit ihrem schlecht bezahlten Job nur gerade so über die Runden. Da trifft sie Henry, dessen Leben sich von ihrem in so ziemlich jeder Hinsicht unterscheidet. Und wo im Romance-Genre nun der Retter in schimmernder Rüstung das Happy End einläuten würde, wird es bei Ruth-Maria Thomas erst einmal schwierig. Denn so komplex sie ihre Figuren zeichnet, so wenig leicht macht Thomas es sich und ihrer Heldin mit dieser Geschichte. Und so verlieben sich Shelly und Henry zwar Hals über Kopf ineinander, aber glücklich macht sie das noch lange nicht.

Ruth-Maria Thomas verhandelt in diesem Roman nicht nur Themen wie finanzielle Abhängigkeit und Machtgefälle in Beziehungen. Es geht um Gerechtigkeit, um Dankbarkeit, um Klassismus und um die Frage, wer hier eigentlich wem etwas schuldet. Also: Können zwei Menschen mit so unterschiedlichen Kindheitsverläufen und Lebensgrundlagen miteinander glücklich werden? Wird Henry Shelly schließlich retten? Oder ist vielmehr sie die Heldin, die dem Jüngling in Not zur Hilfe eilt?

Für die Lektüre von „Die zweitgrößte Liebe“ ist es nicht notwendig, auch Thomas‘ Debüt gelesen zu haben. Es sei hiermit aber empfohlen, die Reihenfolge ist egal. Denn beide Romane schaffen Identifikationsfiguren und erweitern den Horizont – mit ihrer klugen, einfühlsamen Sprache, die sich standhaft weigert, Menschen in Schubladen einzuordnen.JOHANNA SCHULTHEISS

Ruth-Maria Thomas:

„Die zweitgrößte Liebe“. dtv, 304 Seiten; 24 Euro.

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