„Ich hab meinen Kopf doch ned zum Haareschneiden!“ Diesen Satz bekam früher oder später jeder von Wolfgang Nöth vor den Latz geknallt. Sollte heißen: Der ruppige und langhaarige Erfinder des Kunstparks Ost, der Anfang 2021 mit 77 Jahren starb, war ein Mann mit Ideen. Ideen, die er, wenn’s sein musste, mit dem Kopf durch die Wand durchsetzte. Wo immer Nöth eine leer stehende Industriehalle in die Finger bekam, machte er was draus. Er hatte bereits den ehemaligen Flughafen Riem zu einem Party-Areal umgemodelt – davor wiederum hatte in seiner Theaterfabrik in Unterföhring die deutsche Hallenkultur ihren Anfang genommen.
1996 suchte Pfanni-Chef und „Knödelkönig der Nation“ Otto Eckart einen Betreiber für das Areal hinter dem Ostbahnhof. Er hatte die Firma verkauft, nun sollte jemand Leben in die Bude bringen – und es gab keinen Passenderen für den Job als Nöth. Der stand gut mit den Rathaus-Chefs Georg Kronawitter und Christian Ude, also verstand er behördliche Auflagen eher als unverbindliche Empfehlungen. Er wird mit dem Satz zitiert: „Es tut mir leid für die Baubehörden, dass ich mit meinen Ideen schneller war als sie mit ihren Genehmigungen.“ So ganz stimme das mit der Erfindung des Kunstparks durch Nöth nicht, sagte Pfanni-Erbe Werner Eckart einmal zu unserer Zeitung. „Eigentlich war es die Idee von meiner Schwester und mir, hier eine Zwischennutzung stattfinden zu lassen – unser Vater fand sie gut.“ Gleichwohl war Nöth Seele und starker Arm des Unternehmens.
Er führte – gemeinsam mit Mathias Scheffel und dessen Gattin Gaby, Tochter des Bauunternehmers Alfons Doblinger – auf den 80.000 Quadratmetern fort, was er in Riem begonnen hatte: Konzerthallen wie das Metropolis, Lokale wie die Nachtkantine (die alte Pfanni-Kantine) und rund 30 Discos, etwa Babylon, Milchbar oder Ultraschall, nahmen im September 1996 den Betrieb auf. Dazu kamen rund 60 Künstlerateliers und 30 Kleinunternehmen sowie Flohmärkte. Nicht zuletzt aufgrund der günstigen Lage am Ostbahnhof kamen schnell 250.000 Besucher pro Monat, etwa die Hälfte aus dem Münchner Umland.
Nöths Dickkopf verdankt die Stadt auch die Abschaffung der Sperrstunde, für die München deutschlandweit belächelt wurde. Gastronom Michi Kern erinnert sich im Buch „Mjunik Disco“: „In der Woche, in der der Kunstpark Ost aufgemacht hat, da gab es ’ne große Abnahme vom Kreisverwaltungsreferat. Die sagten: ,Ja, das ist alles super. Nur: Ihr müsst um eins zumachen.‘ Da ist der Wolfgang ausgerastet. Hat die angebrüllt und den Bürgermeister angerufen. Und dann gab es echt eine Sperrzeitaufhebung!“ Im Schatten des Kunstparks konnten auch die Clubs im Stadtzentrum wieder lange öffnen.
Stets sah man dem Kunstpark an, dass es sich hier nur um eine Zwischennutzung handelte: das ehemalige Kartoffel-Silo (heute die Kletterhalle „Heavens Gate“), das lange „Werk 3“, die Schienen, auf denen die Kartoffel-Lieferungen vom Ostbahnhof auf das Areal gerollt waren – sie alle legten Zeugnis vom industriellen Erbe ab. In den 60ern hatten hier 1300 Menschen jährlich drei Millionen Zentner (150.000 Tonnen) Kartoffeln zu Reiberdatschi, Brei und Knödeln verarbeitet.
2003 hörten Nöth und die Scheffels auf, neuer Betreiber wurde Eigentümer Eckart selbst. Doch seine Kultfabrik bekam sogleich Konkurrenz in der Nachbarschaft: Auf dem Gelände des ehemaligen Schmiermittelfabrikanten Optimol hatte ein neues Spaß-Areal eröffnet. Betreiber: Wolfgang Nöth.JOHANNES LÖHR