Faszination Auswandern

von Redaktion

„Goodbye Deutschland!“: Seit 20 Jahren begleitet Vox Menschen in die Ferne

Auswandern ist eine dieser Ideen, die auf einer Postkarte fast immer besser aussehen als im echten Leben. Mutig bricht man auf – zum Beispiel, um ein Schnitzelrestaurant auf Mallorca zu eröffnen. Ärgerlich nur, wenn die Speisekarte ausschließlich auf Deutsch ist, obwohl auch Engländer kommen. Wenn der Strom ausfällt. Und der Koch bislang nur hobbymäßig am Herd stand.

Geschichten dieser Art erzählt seit 20 Jahren die Vox-Sendung „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“ – die erste Folge lief im August 2006. Zum Geburtstag gönnte der Sender dem Format nun montags vier Jubiläumsausgaben (alle bei RTL+ abrufbar). Ein Best-of moderiert Daniela Katzenberger – früher selbst Auswanderin und der erfolgreichste Export der Doku-Soap. Die Langlebigkeit des Formats deutet an: Deutsche können von Auswanderer-Storys offenbar kaum genug bekommen. Woran liegt das?

Die Sehnsucht: „Goodbye Deutschland!“ bedient ein in Deutschland tief sitzendes Gefühl: Die Vorstellung, dass woanders alles besser, freier, wärmer und unkomplizierter ist. Viele Auswanderer flüchten vor Bürokratismus, Steuern, verfahrenen Familienstrukturen und manchmal auch schlicht vor dem Wetter. „Fernweh“ ist nicht umsonst eine sehr deutsche Wortschöpfung und damit wohl auch Gemütslage. Es gilt als nahezu unübersetzbar in andere Sprachen. Im vergangenen Jahr ergab eine YouGov-Umfrage, dass sich mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung eine Auswanderung ins Ausland vorstellen könnte. Mallorca, Paraguay oder Australien sind aus diesem Blickwinkel eigentlich gar keine geografischen Orte – sondern eher emotionale Gegenentwürfe. Die weiteste Reise trat bei „Goodbye Deutschland!“ übrigens die Familie Vega an, um ihr Glück zu finden – sie verschlug es in das 18.130 Kilometer entfernte Tauranga, eine Stadt auf der Nordinsel von Neuseeland.

Die Stellvertreter: Auswanderer-Fernsehen hat zwei Ebenen. Vorn auf dem Bildschirm tauschen Menschen Haus, Job und Sicherheit gegen einen radikalen Neuanfang. Auf der Couch ertappt sich der Zuschauer bei der Frage: Hätte ich diesen Mut auch? Populär wurde „Goodbye Deutschland!“, weil es mehr oder minder Normalos begleitete, keine unnahbaren Hochglanz-Promis. Mit ihnen konnte man sich leicht identifizieren. Weil manche Protagonisten aber immer wieder auftauchen, entstehen auch zusammenhängende Geschichten mit sehr klassischen Erzählmustern. Ein Held verlässt eine vertraute Welt, er kämpft gegen Hindernisse, er scheitert oder triumphiert. Nur ohne Schwert – dafür mit Umzugskarton in der Hand. Einige Figuren waren dabei so einprägsam, dass sie heute zum Fundament des deutschen C-Prominenz-Fernsehens gehören. Neben Katzenberger etwa die Geissens, Konny Reimann, der „Currywurstmann“ Chris Töpperwien und Jens Büchner, auch „Malle-Jens“ genannt.

Das Scheitern: Auswandern kann traumhaft sein – oder ziemlich schiefgehen. Niemand weiß das besser als all jene, die regelmäßig „Goodbye Deutschland!“ schauen. Grandiose Selbstüberschätzung, Einfältigkeit, gänzlich fehlende Sprachkenntnisse, ein äußerst löchriger Businessplan – meist sieht man das Unheil als Zuschauer schon aus weiter Entfernung heranrauschen. Legendär etwa die Schwäbin Claudia, die in die USA ziehen und dort selbst designte Teddybären verkaufen wollte. „Für den neuen Job bringt die gelernte Bankkauffrau eigentlich kaum Qualifikation mit“, textet ein Off-Sprecher in genau jener Beiläufigkeit ins Mikro, die nichts Gutes verheißt. Claudia versucht die Zweifel mit dem Satz „Ich habe mal ein Kleid für mich genäht“ wegzuwischen. Um direkt nachzuschieben: „Das ist nichts geworden.“ Man ahnt dann schon, wohin die Reise gehen könnte.

Lust am Voyeurismus: Eine Kunstform für sich sind auch die Bauchbinden, die Einblendungen bei Interviews. Wenn unter einem Auswanderer-Namen „…verfügt über keine Ersparnisse“ geschrieben steht, lehnt man sich als Stammzuschauer innerlich schon einmal interessiert nach vorne. „Ein voyeuristisches Moment“ lasse sich in Auswanderer-Formaten „nicht leugnen“, analysiert die Medienwissenschaftlerin Yulia Yurtaeva-Martens in einem Aufsatz. „Der öffentliche Konsum persönlicher Krisen und Konflikte dient oft mehr der Unterhaltung als der Reflexion gesellschaftlicher Missstände.“ Das stimmt zweifellos. Doch neben dem Voyeurismus stellt sich beim Zuschauer womöglich auch noch ein ganz anderes Gefühl ein: „Gut, dass ich geblieben bin.“ Das kann sehr beruhigend sein. Am Ende wirkt selbst deutscher Behördendschungel gar nicht mehr so schlimm.JONAS-ERIK SCHMIDT

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