Eine Entdeckung

von Redaktion

Gregor Sanders packender Roman über Heinrich Schliemann

Altertumsforscher Heinrich Schliemann (Foto 1880). © epd

Mit dem richtigen Maß an Selbstvertrauen ist alles zu schaffen. An diese Binsenweisheit muss vielleicht ab und zu denken, wer sich über den Roman „Troja, später Nachmittag“ dem Kaufmann und Forscher Heinrich Schliemann annähert. Dabei täte man Schliemann allerdings ziemlich unrecht, würde man sein abenteuerliches und erfolgreiches Leben einzig auf sein fraglos reichlich vorhandenes Selbstvertrauen zurückführen. Nein, in dem Pastorensohn, 1822 bei Rostock geboren, schlummerten außerdem ein beeindruckender Intellekt sowie ebenso vielfältige Interessen wie Talente. Alles zusammen ebnete ihm den Weg hinaus in die weite Welt – und in die Geschichtsbücher.

Gregor Sander zeichnet den Weg dieses aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Jungen in einem packenden Roman nach. Er lässt Schliemann als Kind die „Ilias“ von Homer entdecken und als Erwachsener mit Ehrgeiz und Geschäftssinn einen Bilderbuchaufstieg hinlegen, er bildet Schliemanns historisch verbriefte Begabung für Fremdsprachen ab, sodass dieser mal auf Russisch, mal auf Niederländisch, Griechisch oder Spanisch parliert. Und er dichtet ihm eine Jugendliebe an, die den Weltenbummler immer fest mit seiner Heimat Mecklenburg verbindet. Vor allem aber begleitet er Schliemann, der sich als reicher Kaufmann schließlich vom Geschäftsleben ab- und zur Forschung hinwendet, auf dem Weg zu seinem größten Triumph: der mutmaßlichen Entdeckung der legendären Stadt Troja.

Und hier kommt wieder das Selbstvertrauen ins Spiel, diesmal vermischt mit einer guten Prise Obsession. Schliemann nämlich ist so versessen darauf, Troja zu finden, dass er überstürzt und viel zu tief graben lässt – und dabei wertvolle archäologische Spuren vernichtet. Dies mag ihm aus heutiger Sicht zu Recht angekreidet werden. Fest steht jedoch: Schliemanns Entdeckung war bahnbrechend, weshalb er heute auch als Wegbereiter der modernen Archäologie gilt. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist es vielleicht gar nicht mehr so wichtig, dass bis heute unklar ist, ob Schliemann tatsächlich das historische Troja entdeckt hat oder ob es dieses überhaupt je außerhalb der Literatur gegeben hat. Für Heinrich Schliemann war klar: Heinrich Schliemann hat Troja entdeckt. Und diese Gewissheit lässt Sander ihm. Ein fesselnder Roman, der die Lesenden nicht nur rund um den Globus und quer durch das 19. Jahrhundert führt, sondern ihnen auch Bewunderung abringt für einen Mann, dessen Selbstbewusstsein ihn nicht betrog.JOHANNA SCHULTHEISS

Gregor Sander:

„Troja, später Nachmittag.“ Penguin, 320 Seiten; 24 Euro.

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