Aus guter alter Theaterzeit

von Redaktion

Alain Claude Sulzers hintergründiger Roman „Szenenwechsel“

Alain Claude Sulzer, Schweizer Autor. © Lucia Hunziker

Der wichtigste Mann sagt hier kein Wort, nur in den Erinnerungen seiner Gefährtinnen und Gefährten. Weil: Simon Muthesius, respektierter und gefürchteter Regisseur und Intendant mit Wirkungsstätte Berlin, ist verblichen. Der Tod kam beim Einschrauben einer Glühbirne. Stromschlag, Sturz von der Leiter – Übergewichtige und Ungeübte haben da kaum Chancen. Wobei „Szenenwechsel“, der neue Roman von Alain Claude Sulzer, mitnichten eine Groteske über den Theaterbetrieb ist. Es ist vielmehr die Einkreisung eines Mannes, der für viele jahrelang ihr Zentralgestirn war.

Erzählt wird aus den Perspektiven von Sohn Karl, von Ex-Frau Petra, von Haushaltshilfe Danuta, von der Schauspiel-Diva Nathalia oder von Tenor Siegfried. Letzterer wurde von Muthesius aus der Gesangskarriere gedrängt, um ihm eine Stelle als Theaterinspizient anzubieten. Hart war das, aber notwendig und letztlich die Rettung: Die Stimme machte längst nicht mehr mit. Es ist also kein Bühnenmonster, das von Sulzer hier so hinter- wie abgründig gezeichnet wird. Es ist vielmehr ein Egozentriker aus Theaterzeiten, die – daran lässt der Autor keinen Zweifel – die guten alten sind.

Sulzer ist ein großer Theaterliebender. Nicht zuletzt schreibt er auch für die Bühnen, sein nächstes Opus wird das Libretto zur Bayreuth-Operette „Schmetterling“ sein. Tenor Daniel Behle hat sie komponiert, die Uraufführung ist am 10. Oktober in Annaberg-Buchholz.

Der Roman „Szenenwechsel“ dreht sich aber nicht nur um Vergangenes, sondern auch um Kontinuitäten, gute wie schlechte. Wir erfahren von Schauspielerinnen, die von Regisseuren und Intendanten (in jeglicher Hinsicht) abgelegt werden, wenn attraktiver Nachwuchs kommt. Und von Chef-Figuren, denen Ähnliches droht, wenn ihre Regie-Handschrift oder ihr Führungspotenzial nicht mehr gefragt sind, weil alledem irgendwelche Moden plötzlich entgegenstehen. „Muthesius und seine Altersgenossen wurden von ihren Nachfolgern genauso behandelt, wie sie in ihren Anfängen die Vorgängergeneration behandelt hatten“, schreibt Sulzer. „Ihre Zeit war vorbei.“

Aber was ist, wenn diese Zeit ihre großen Qualitäten hatte? In seinem feinen, superben, klugen, teils lakonischen Roman sehnt sich Sulzer nach untergegangenen Theaterwelten zurück. Als noch Autoren und ihre Stücke inszeniert wurden, und nicht Dekonstruktion oder „Textflächen“ dem Publikum vorgesetzt wurden. „Sie rissen alles an sich, um es zu zerkauen, zu verschlucken, zu verdauen und auszuscheiden. Widerlich.“ Oder als das subventionierte Theater noch nicht so bedroht war wie heute. Oder als das Feuilleton noch gehegt wurde und nicht den Launen oder anders gearteten Interessen von Chefredakteuren zum Opfer fiel.

Alain Claude Sulzer also ein Konservativer? Man kann „Szenenwechsel“ so lesen, doch das wäre zu pauschal. Der Schweizer ist einer, der an Grundzutaten fürs Theater glaubt, an essenzielle, die jedoch immer seltener verwendet werden, ob für Oper oder Schauspiel. Sein Simon Muthesius ist eine Mischung aus Claus Peymann, Hans Neuenfels und Peter Zadek. Eine dieser alten Echsen, verrufen, ungerecht, egozentrisch, aber eben auch genial. Keine Chance hätten sie heute mehr, teilweise zu Recht. „Szenenwechsel“ führt aber vor: Man kann das durchaus bedauern.MARKUS THIEL

Alain Claude Sulzer:

„Szenenwechsel“. Galiani, Berlin, 256 Seiten; 24 Euro.

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