Ihr Platz ist hinterm Steuer

von Redaktion

Neue „Lebenslinien“-Doku begleitet 85-jährige Busfahrer-Omi aus Niederbayern

Helga Stuckenberger liebt ihren Beruf als Busfahrerin und möchte ihn um nichts in der Welt aufgeben. © Max Beck

Auf dem Armaturenbrett stehen ein Kruzifix und ein Engel, umrahmt von frischen Blumen und Zweigen. Über dem Sitz baumelt ein Rosenkranz. Hier ist der Ort, an dem sich Helga Stuckenberger auf der Welt am wohlsten fühlt: hinter dem Steuer ihres Busses. Und hier möchte sie sitzen, bis es mit ihr zu Ende geht. „Wenn sie mir meinen Busführerschein nehmen, dann wär‘ das das Schlimmste, was mir in meinem Leben noch passieren könnte“, sagt die Dame mit dem grauen Dutt, die auch mit 85 noch Kinder zur Schule fährt. Und Helga Stuckenberger ist schon einiges passiert in ihren 85 Lebensjahren. Viel Schönes und auch viel Trauriges – davon erzählt die BR-Lebenslinien-Dokumentation „Die Oma und ihr Omnibus“, zu sehen am Montag um 22 Uhr im BR-Fernsehen (und bereits in der BR-Mediathek).

Die Leidenschaft fürs Busfahren bekommt Helga in die Wiege gelegt. Vater Ludwig baut nach dem Zweiten Weltkrieg im niederbayerischen Frontenhausen ein Fuhrunternehmen auf – und bietet ab 1948 Omnibusfahrten an. Die Leidenschaft für die Fahrzeuge verbindet Vater und Tochter.

Schon früh hat Helga den Berufswunsch, Busfahrerin zu werden, doch die Mutter sieht die Tochter lieber hinterm Herd als hinterm Steuer. Allgemein ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter schwierig. Mutter Gisela stammt aus Italien und flüchtete im Ersten Weltkrieg nach Niederbayern. Die Kindheit in Armut und die Fluchtgeschichte haben sie zu einer strengen und aufbrausenden Frau gemacht. „Sie hat mich nie umarmt“, sagt Helga im Rückblick.

1962 stirbt Helgas geliebter Vater Ludwig an Krebs; Helga muss sich mit der Mutter arrangieren, die die Firma fortan führt – auch wenn sie als Hausfrau nur wenig Ahnung hat und die versierte Helga alles machen lässt. Als Helga sich in den sieben Jahre älteren Edi verliebt, missfällt auch das der Mutter. Die Tochter wird schwanger, doch die Mutter will, dass Helga sich von Edi trennt. Die beiden führen ihre Beziehung heimlich weiter.

Erst als Edi Helga zu einer Entscheidung drängt, heiratet sie ihn – und emanzipiert sich von ihrer Mutter. Ihr Mann, mit dem sie eine Beziehung auf Augenhöhe führt, unterstützt sie Anfang der Siebzigerjahre dann auch darin, einen Busführerschein zu machen. Helga wird eine der ersten Busfahrerinnen Deutschlands – und hat anfangs mit Vorurteilen zu kämpfen. Doch sie lässt sich nicht beirren.

Regisseurin Birgit Eckelt erzählt die Lebensgeschichte Helga Stuckenbergers mit viel Ruhe und viel Wärme. Moritz Kipphart ist mit seiner Kamera stets nah dran an der alten Dame, die eine angenehme Gelassenheit ausstrahlt. Untermalt wird die Lebensgeschichte von vielen Fotos aus dem Familienalbum. Helga als Mädchen mit Schleife im Haar, Helga frisch verliebt mit Edi, Helga als junge Busfahrerin.

Doch wenn im Film die Sprache auf ihren verstorbenen Sohn und ihren dementen Mann kommt, bricht Helgas Stimme. Auch ein tödlicher Unfall mit ihrem Bus überschattet ihr Leben. Der Film schafft es dennoch, die Waage zu halten zwischen den schönen und den traurigen Momenten. Und so zieht die betagte Busfahrerin in der Doku ein wunderbares Fazit: „Wenn ich mein Leben so betrachte – viel tät’ ich nicht ändern.“JANINA VENTKER

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