Sehen ist wie Hören, Laufen und Sprechen angeboren. Es will aber erst gelernt sein. Als Störenfriede entpuppen sich Baufehler der Augen und Defizite des Sehvermögens.
Nach der Geburt entwickelt sich die Sehkraft rasant. Die Augen trainieren Monat für Monat, bis sie richtig fit sind. Wenn das Kind die volle Sehleistung erreicht, besucht es schon die Schule. Stören Handicaps die Entwicklung, erreichen die Augen nicht die gewünschte Leistung.
Im ersten Lebensjahr lernen Kinderaugen so viel wie in keinem anderen Lebensabschnitt. Danach bekommen sie den feinen Schliff.
Sehstörungen vom Baby bis zum Schüler
Zappelphilipp oder Träumsuse, Tollpatsch oder Lernmuffel – kaum zu glauben, dass hinter vielen Auffälligkeiten von Kindern Defizite des visuellen Systems stecken. Eine vermutete Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) muss keine sein. Holpriges Lesen, viele Fehler im Diktat – das kann an den Augen liegen.
Kleinere Kinder sind normalerweise etwas weitsichtig. Die noch sehr elastische Augenlinse gleicht die Weitsichtigkeit aus und stellt auch nahe Gegenstände scharf.
Bei schwacher Weitsichtigkeit brauchen die Kleinen meistens keine Brille. Da das kindliche Auge wächst, verschwindet die Weitsichtigkeit oftmals von selbst. Eine Brille ist aber bei starker Weitsichtigkeit angebracht – um etwa der Entstehung von Schielen entgegenzuwirken. Ohne Behandlung besteht die Gefahr einer lebenslangen Sehschwäche besonders, wenn nur ein Auge betroffen ist. Was es bis zum sechsten, siebten Lebensjahr nicht gelernt hat, holt es nicht mehr nach.
Kurzsichtigen erscheint alles in der Ferne unscharf. Der Sehfehler ist zum einen vererbbar: Sind Mutter und Vater kurzsichtig, ist das Risiko, dass auch der Nachwuchs kurzsichtig wird, sechsmal höher als bei nichtmyopen Eltern. Zum anderen begünstigen Lesen, Be-schäftigung mit Computer, Tablet und Smartphone die Kurzsichtigkeit: Die Augen fokussieren sich permanent auf den Nahbereich. Je hochgradiger die Kurzsichtigkeit, desto größer ist im höheren Alter die Gefahr von schwerwiegenden Folgeerkrankungen wie Netzhautablösung, Grünem Star oder Makuladegeneration.
Vorbeugend sollten Kinder täglich mindestens zwei Stunden raus an die frische Luft. Ein kurzsichtiges Kind muss eine Brille oder Kontaktlinsen tragen. Die Fehlsichtigkeit lässt sich nicht heilen, aber problemlos korrigieren.
Schielen (Strabismus)
Beide Augen blicken nicht in dieselbe Richtung, das Kind schielt. Bei manchen Kindern fällt es sehr auf, sodass Eltern den vermeintlichen Schönheitsfehler frühzeitig untersuchen lassen. Viele schielen jedoch nicht so offensichtlich – nur der Augenarzt kann es feststellen. Je jünger das schielende Kind zu Behandlungsbeginn, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Im Schulalter lässt sich kaum noch eine normale Sehschärfe erreichen.
Was hilft? Brillengläser korrigieren Brechungsfehler. Eine Okklusionstherapie trainiert das schwächere Auge, wobei das bessere mit einem Pflaster abgedeckt wird. Die ärztlichen Anweisungen sind penibel zu befolgen. Eltern, Kinder und Ärzte erhalten neuerdings Unterstüt-zung von einem kleinen Sensor, der für drei Monate auf den Brillenbügel oder das Pflaster geklebt wird. Er registriert die Tragezeit der Therapiehilfen, die Behandlung lässt sich besser steuern. Auch eine operative Umlagerung der Augenmuskeln kann infrage kommen.
Vorsorge und Sehtests
Schlecht sehen tut nicht weh. Die Sprösslinge merken selbst nicht, ob sie etwas gut oder nicht so gut wahrnehmen. Sie haben keinen Vergleich und können besonders im jüngeren Alter nicht ausdrücken, dass mit ihrem Sehen etwas nicht stimmt.
Eltern sollten bei Neugeborenen sofort auf Augenerkrankungen in der Familie hinweisen. In jedem Fall sind Kinder bei den U-Untersuchungen vorzustellen. Seit 1. Januar 2017 gilt für diese ambulante Kassenleistung eine verbindliche Neuregelung zur Früherkennung von Sehstörungen. Die Kinderaugen werden unter anderem bei den U4 bis U7 auf Schielen und Grauen Star geprüft. Die kinderärztlichen Augenprüfungen können Hinweise auf Sehstörungen liefern. Zur genauen Diagnose sind Kontrollen beim Augenarzt angeraten, am besten zwischen U5 und U9.
Bei der Schuleingangsuntersuchung (S1 oder SEU) prüfen Schulärzte auch die Sehfähigkeit des künftigen Abc-Schützen und empfehlen bei Auffälligkeiten die Abklärung durch einen Augenarzt oder Augenoptiker. Da eine Kurzsichtigkeit in den allermeisten Fällen aber erst nach dem sechsten Lebensjahr entsteht, sollten Augen und Sehsinn während der gesamten Schulzeit regelmäßig kontrolliert werden.
Mit einfachen Seh-Checks und kostenlosen Sehtests, die es auch online gibt, lassen sich die Augen von Kindern und Jugendlichen bequem zu Hause, in Kita oder Schule prüfen.
Wichtig: Diese Sehtests ersetzen nicht die Kontrolle beim Augenarzt oder Augenoptiker!