Die Reize der marokkanischen Küstenlandschaft lassen sich in Agadir genießen. Vor allem können Besucher in das bunte Leben der Medina der marokkanischen Stadt eintauchen, um das pulsierende Leben der Souks an Ort und Stelle mitzuerleben.
So sieht es auch Abdullah, der sympathische berberische Stadtbegleiter. Dank seiner Hilfe gelingt es, sich schnell einen Überblick zu verschaffen über die Gassen und Gässchen der Medina mit ihren verwinkelten Ladenzeilen. Ihm steht der Stolz ins Gesicht geschrieben über die alte Berberkultur, die sich hier längst etabliert hatte, als Jahrhunderte später der arabische Ansturm über den afrikanischen Orient hinweg fegte.
Reizvolle Oasenstädte
Von ganz anderem Reiz sind die Oasenstädte im Hinterland von Agadir. Allen voran die Stadt Taroudant, der der Ruf eines „marokkanischen Venedigs“ voraus eilt. Auch wenn diese Würdigung wohl eine Schuhnummer zu groß geraten sein mag, verfügt die Stadt doch über Anwesen wie das Dar al Hossoun, in dem die Vorzüge orientalischer Wohnkultur spürbar sind. Eingebettet mit seinen versteckten Wohneinheiten in eine unüberschaubare Gartenlandschaft, erinnert hier nichts mehr, so Inhaber Oliver Verra, an die knochentrockene Steinlandschaft jenseits der Gartenmauer.
Noch traditioneller und bodenständiger geht es zu in dem Oasenstädtchen Tiout. Gelegen am Fuß einer mächtigen Burgruine, dreht sich auch hier, das verraten die prächtigen Palmenhaine, seit Jahrhunderten alles ums Wasser. Nach einem genauen Verteilungsschlüssel wird es in kleinen Kanälen zu gleichmäßigen Anteilen auf die Felder geleitet.
In Zeiten der Wasserknappheit kommt es da bisweilen zu Streitigkeiten. Diese werden jedoch, so versichert Oasenbegleiter Mohammed, zumeist im Sinne des Gewohnheitsrechts von einem ehrwürdigen Sachverständigenrat einvernehmlich gelöst. Gegenwärtig, so wird am Ende seiner Führung deutlich, reicht es sogar noch für ein randvoll gefülltes Schwimmbecken, in dessen frischem Quellwasser sich die Jugend der Oasenanlage am Spätnachmittag bei untergehender Sonne voller Lebensfreude ausgelassen tummelt.
Wuchtige Arganbäume
So attraktiv die Zwischenstationen auch sein mögen: Alle Wege im „Großen Süden“ Marokkos führen irgendwann nach Marrakesch, dem nördlichen Eingangstor ins Atlasgebirge. Der Weg führt vorbei an verästelten Arganbäumen, aus deren dichten Kronen lebendige Ziegen heraus zu wachsen scheinen. Denn längst haben die geschickten Tiere gelernt, sich in karger Umgebung eine ebenso nahrhafte wie schmackhafte neue Futterquelle zu erschließen.
Schon bald grüßt das ehrwürdige alte Minarett von Marrakesch herüber und beflügelt die Vorfreude auf die mit Kulturschätzen überquellende Berberstadt. Dazu zählt nicht nur die zentral gelegene Medina, die in ihren Souks zwischen Gewürzen, Gebäck und Goldschmuck stets angefüllt ist mit reger Geschäftigkeit. Daneben gibt es auch eine besinnliche Seite des Stadtgeschehens zu bewundern. So mit seiner floralen Fülle das charmante Riad Catalina mitten in der Medina.
Garten Eden
in Miniatur
Die Gartenkunst in Marrakesch blickt zurück auf eine lange Tradition. Musterbeispiel dafür ist der heute noch komplett erhaltene „Verborgene Garten“ aus dem 16. Jahrhundert im andalusischen Stil. Gespeist von einer artesischen Quelle, laufen hier vier Wasserarme zu einem zentralen Springbrunnen zusammen und laden bei munterem Vogelgezwitscher zum Verweilen ein.
Ein Vorbild auch für den Garten mit dem geheimnisvollen Namen „Anima“ mitten in der Einöde außerhalb von Marrakesch? Er ist das Werk des Wiener Allroundkünstlers André Heller, der hier inmitten der Wüsteneinsamkeit seiner Fantasie freien Lauf ließ.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen, da der Garten mit seinen ausgewählten Kunstwerken inmitten eines üppigen Pflanzenbestandes Seele atmet, ähnlich einem Garten Eden im Miniaturformat.
Karge Bergeinsamkeit
Doch bereits hinter der Stadt türmt sich die Gebirgskulisse des Hohen Atlas auf. Mehr als zehn Viertausender sind es, die dem 900 Kilometer langen Gebirgszug Größe und Würde verleihen. Mühsam schlängelt sich die schmale Straße hinauf in die Bergeinsamkeit. Von karger Schönheit zeugen die Berberdörfer, die wie Schwalbennester an den Berghängen kleben. Denn wer wollte es wagen, sich im Tal den Sturzfluten auszusetzen, die sich bei Gewitterstürmen in den Flusstälern chaotisch entladen?
Doch unter dieser Kargheit leidet keinesfalls die Gastfreundschaft, die dem neugierigen Besucher auf rührende Weise immer wieder begegnet. Schnell sprudelt im Berberdorf Ait Amir kochendes Wasser im Kessel. Schon kurz darauf verwandelt es sich mit kunstvollen Handbewegungen in einen aromatischen Tee, der in hohem Bogen zielgenau seinen Platz in den aufgereihten Teegläsern findet. Dabei entsteht genau jene entspannte Atmosphäre, in der nach einem berberischen Sprichwort „über alles und nichts“ gesprochen wird, bis auch das dritte und damit letzte Glas geleert ist.
Kontraste der Steinwüste
Doch die Steinwüste lebt auch von ihren Kontrasten. Die Kasbah Tamadot unweit von Asni ist bereits mehr als ein Kontrast. Denn offenbar hat sich Richard Branson als der Besitzer des Hotels zum Ziel gesetzt, hier in der Kargheit der Gebirgsumwelt einen Himmel auf Erden entstehen zu lassen.
Ein Traumziel zwischen hohen Bergspitzen und einem zerfurchten Flussbett im Tal. Überhöht mit einer stilvollen der Landschaft angepassten Architektur, wohltuend zugleich für Auge und Seele.
Doch irgendwann heißt es Abschied nehmen. Wo fände man dazu einen geeigneteren Ort als den Jemaa el-Fna in Marrakesch? Einst der „Platz der Gehenkten“, heute das Zentrum purer Lebenslust. Geschmeidige Gnaua-Tänzer mit ihren klappernden Metall-Kastagnetten stimmen sich bereits am späten Nachmittag ein auf ihr Abendprogramm.
Und das hat es in der Tat in sich: mit Gauklern und Künstlern, mit Musikern und Schlangenbeschwörern. Insgesamt ein Spiegelbild lebendiger Berberkultur am Fuße des Hohen Atlas.
Mehr unter www.visitmarocco.com; www.fti.de; www.hotelsatlas.com; www.riadcatalina.com.
Bernd Kregel