Baukultur
Das Thema Wohnen ist derzeit wieder in aller Munde. Obwohl vor rund 20 Jahren der Wohnungsnotstand in Deutschland für beendet erklärt wurde und die Förderung des sozialen Wohnungsbaus eingestellt wurde. Heute beherrschen Themen wie Gentrifizierung, Mietpreisbremse oder Flüchtlingsunterkünfte die Medien. Um Baukultur geht es dabei wenig, es geht mehr um bezahlbaren Wohnraum, also billig bauen. Das klassische Einfamilienhaus scheint vor den erneut großen Wohn-Problemen der Gesellschaft für manche fast schon ein Vergehen an der Gemeinschaft.
Luxus Einfamilienhaus
Die Autorin des neuen Callwey-Bandes „Häuser des Jahres“, Katharina Matzig, stellt daher die Frage: „Ist es nicht unangemessen, wenn nicht gar zynisch, 50 Häuser aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol als Häuser des Jahres 2017 zu küren? Sie alle haben nichts mit Wohnungssuche, -not und -mangel zu tun. Sie sind kein Beitrag zur Lösung der globalen Wohnkrise. Das kann das Einfamilienhaus a priori nicht sein. Ja, das ist es. Und nein, das ist es nicht. Denn es darf, da bin ich sicher, beim Bauen nicht nur um Quantität gehen, sondern es muss auch Qualität verhandelt werden. Und dafür sind die Häuser des Jahres nun einmal die besten Beispiele!“
Individuell geplant
Die Herausforderung beginnt, wenn ein Planer nicht nur Raum für beliebige Massen entwerfen soll, sondern an ganz bestimmte Menschen denken soll, die in einem bestimmten Gebäude leben sollen. In den Häusern, die hier vorgestellt werden, waren stets die Nutzer der Maßstab der Planung: Ob großes oder kleines Haus, Villa oder Low-Budget-Bau, Behausungen in der Stadt und auf dem Land, ob Neubau oder Umbau.
Einfamilienhochhaus
Das Buch zum Wettbewerb präsentiert die 50 besten Häuser – mit zahlreichen Fotos, Lage- und Architektenplänen. Den mit 10000 Euro dotierten ersten Preis gewann Holzer Kobler Architekturen GmbH aus Zürich für das Projekt Einfamilienhochhaus Atelierhaus ELLI in Zürich.
Urteil der Jury: Besonders die Mission des kostengünstigen Bauens und das gleichzeitige Konzept für innerstädtische Nachverdichtung hat die Jury begeistert und gibt eine überzeugende Antwort auf die heute drängendsten Fragen.
Vorgefertigte Betonelemente bilden die Hülle des Gebäudes und prägen dessen architektonischen Ausdruck, der aus dem Anspruch der Kostenreduzierung entwickelt wurde. Das Bild vom „Wohnen im Rohbau“ wird mit wohldurchdachten Details ergänzt, die mit einer kraftvollen Palette an Farbtönen zusammen Akzente im Inneren setzen.
Kleiner Grund
München ist Deutschlands am dichtesten besiedelte Großstadt und die teuerste in Sachen Wohnen. Man kann also nur von Glück sprechen, wenn man hier einen Bauplatz findet. 445 Quadratmeter klein ist er in diesem Fall, noch dazu schmal geschnitten. Die Architekten ordneten deshalb das Gebäude (Foto links oben) – es ist 6,5 Meter breit und 16 Meter lang – so auf dem Grundstück an, dass im Westen eine Grünfläche verbleibt. Sie findet ihre Entsprechung im Osten, hier schirmen die offene Garage und die grenzständigen Wände der Nachbarbebauung einen geschützten ruhigen Innenhof ab, der zum Rückzug einlädt. Im Norden und Süden wird das Baurecht maximal ausgenutzt, exakt drei Meter beträgt der jeweilige Abstand zur Grundstücksgrenze.