Leben in der Komfortzone

von Redaktion

Obwohl sich der Passivhausstandard im Neubau und im Bestand bewährt hat, gibt es viele Vorurteile. Im Gespräch mit Berthold Blattman, Bauherr und Passivhausbewohner in Rosenheim, und Martin Schaub, Dipl.-Ing. Architekt, Energieberater und Passivhausplaner aus Rosenheim, werden diese hinterfragt.

Herr Blattmann, Sie leben seit mehr als zehn Jahren in einem Passivhaus. Lebt es sich darin angenehmer und komfortabler als in einem konventionellen Wohnhaus?

Blattmann: Dazu ein ganz klares „Ja“, denn gegenüber dem Doppelhaus aus der Jahrtausendwende, das wir zuvor bewohnt haben, ist die Lebensqualität wesentlich höher. Und da spreche ich noch gar nicht von den eingesparten Heizkosten.

Fallen die Kosten denn heute spürbar geringer für Sie aus und wird die Einsparung nicht durch die hohen Stromkosten der Lüftung wieder aufgefressen?

Blattmann: Während ich mich früher um Nebenkosten kaum gekümmert habe – man zahlt eben die Abschläge und Jahresendabrechnungen – kann ich nun sagen, dass der Energieverbrauch in unserer alten Wohnung vier- bis fünfmal höher lag.

Bei uns läuft die Lüftungsanlage sogar das ganze Jahr über durch – wir schalten diese also auch im Sommer nicht ab, denn wir legen großen Wert auf die gefilterte Außenluft. Wir haben permanent, 24 Stunden am Tag, frische Luft in unseren Wohnräumen. Ohne Pollen von Blüten und Gräsern, ohne Staub, ohne Abgase, was ja gerade in Städten an viel befahrenen Straßen die Lust am Stoßlüften auch wegen des Lärms doch sehr schmälert.

Herr Schaub, fällt es Ihnen als erfahrener Passivhausplaner schwer, Ihre potenziellen Bauherren von dieser Bauweise und dem damit verbundenen hohen energetischen Standard zu überzeugen?

Schaub: Die Bauherren, die zu mir kommen, sind von vorneherein energiebewusst und haben schon die Intention, ein energiesparendes Haus zu bauen. Wenn man ihnen dann die Vorzüge eines Passivhauses erläutert, sind die meisten ganz schnell begeistert.

Und wie ist das beim Bauen im Bestand?

Schaub: Bei einer Sanierung ist nicht allen Bauherren bekannt, dass es auch für diese Fälle einen Passivhausstandard gibt. Da wird eher von Förderungen nach KfW-Standard ausgegangen. Hier ist zunächst eine generelle Aufklärung gefragt, um den Effekt von Förderprogrammen gegenüber dem Passivhausstandard zu unterscheiden. Gerade bei einem Altbau muss man zunächst ein Gesamtkonzept entwickeln, auch wenn die Umsetzung danach nur schrittweise in zeitlich größeren Abständen erfolgt. So ein Konzept wird aber in den meisten Fällen nicht gemacht, sondern es wird stattdessen ein Maler beauftragt, der die Fassade schön machen soll, dann kümmert man sich wegen der Fenster um einen Schreiner oder Fensterbauer. Es wird nicht daran gedacht oder darauf geachtet, dass an der Fassade Dämmung und Fenster in der Detailplanung zusammengehören. Mit den von der KfW geförderten Einzelmaßnahmen kann man nicht zu einem kostenoptimierten ganzheitlichen Konzept kommen. Anstatt zu fragen „was bringt dies oder jenes, um ein gutes Gesamtergebnis zu erreichen?“, geben viele Kollegen nur eine Antwort: „Was bringt dies oder jenes, um welche Förderung zu erlangen?“

Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich als Bauherr gemacht?

Blattmann: Natürlich steht an erster Stelle das Budget. Die Überlegung für ein Passivhaus kam bei uns von meiner Frau. Ich hatte zuerst allein die Kosten-Nutzen-Rechnung und die Frage der Amortisation im Kopf – also auch die Überlegung: Ab wann kann ich mit dem neuen Haus sogar Geld sparen? Mich hat dann tatsächlich die Tatsache überzeugt, dass wir nach etwa zehn Jahren durch die Einsparung bei den Energiekosten die Mehrinvestition für den Passivhausstandard wieder drin haben. Die Vorteile, die sich durch den besseren Komfort und die höhere Wohnqualität in einem Passivhaus ergeben, wurden mir erst durch das Wohnen darin deutlich. Bis dahin kannte ich das nicht. Für mich war es normal, dass ein Wohnhaus nachts auskühlt, dass es Kältezonen gibt und es in der kalten Jahreszeit auch mal zieht. Dass man die Fenster im Winter aufreißen muss, um frische Luft im Raum zu haben, und morgens im Schlafzimmer bei verbrauchter und schlechter Luft aufwacht. Ich wusste schlicht nicht, dass es sich so viel angenehmer wohnen lässt.

Was die fehlenden Emotionen angeht, müssten doch gerade die anstehenden Tage des Passivhauses beste Dienste leisten? Rennen Ihnen, Herr Schaub, denn die Bauherren nach dieser Veranstaltung nicht die Türen ein?

Schaub: Das ist in jedem Fall eine super Veranstaltung, bei der Leute, die ein Haus bauen wollen, andere Menschen in ihrem Haus besuchen und sich informieren können, wie man darin wohnt und welche Erfahrungen beim Bauen gemacht wurden. Wir hatten schon häufig Häuser mit Bauherren geplant, die keinen Passivhausstandard angedacht hatten. Nachdem wir sie dann überzeugt hatten, einfach mal Bewohner eines Passivhauses aufzusuchen, mussten wir diesen Standard dann ergänzen. So ein Kontakt mit Menschen, die in einem Gebäude leben, das eine Ausstattung oder einen energetischen Standard hat, von dem man nichts weiß, ist eine wahnsinnig wichtige Erfahrung für die eigene Entscheidungsfindung.

Das Interview führte Claudia Siegele.

Artikel 5 von 11