Wasserburg – Bereits im 9.Jahrhundert war es üblich, während der 40-tägigen Fastenzeit „einen schönen Vorhang“ vom Chorbogen abzuhängen, sodass die Gläubigen vom Geschehen am Altar ausgeschlossen waren. Eine Synode von 1287 bestimmte schließlich für jeden Altar, an dem zelebriert wurde, ein „velum quadragesimale“. Dass die zunächst einfachen Stoffbahnen bald zum Träger für Stickereien und Malereien wurden, die Szenen aus der Leidensgeschichte oder die Marterinstrumente zeigten, ist leicht nachzuvollziehen.
Bis 100 Quadratmeter konnten die großen Fastentücher messen, die das Geschehen der Passion, aber auch Szenen des Alten und Neuen Testaments verdeutlichten.
Bis zu hundert Quadratmeter konnten die großen Fastentücher messen, die mit ihren Bildfeldern den leseunkundigen Gläubigen das Geschehen der Passion, aber auch Szenen des Alten und Neuen Testaments verdeutlichten. Etwa mit Beginn des 16. Jahrhunderts verschwinden diese großen Fastenvorhänge, geblieben sind jedoch die kleineren Bilder aus der Barockzeit, mit denen die Altäre verhängt wurden, ehe auch sie, durch häufiges Rollen oder Knicken brüchig und unbrauchbar oder durch bilderstürmerische Verordnungen der Aufklärung verboten wurden. Zuletzt blieben einfache, violette Stoffbahnen übrig.
Erst in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts kam das Bestreben auf, in den oft schmuckarmen Kirchen wieder ein Fastentuch aufzuziehen, gestaltet von modernen Künstlern oder appliziert mit den Leidenswerkzeugen. Schließlich wurde das Fastentuch mit der Fastenaktion Misereor verknüpft, sodass es, wie schon im Mittelalter, neben „Palmtuch“, „Fastentuch“ oder „Schmachtlappen“ auch wieder den Namen „Hungertuch“ erhielt.
Obwohl eigentlich jedes Gotteshaus entsprechend der Anzahl seiner Altäre Fastentücher besessen haben muss, sind relativ wenige, in die Barockzeit zurückreichende Gemälde erhalten geblieben.
Schönberg, Babensham und Halfing: Lange Zeit galt in unserem Raum das Fastentuch aus der Filialkirche Schönberg als eines der wenigen Exemplare, das man auch das ganze Jahr über sehen konnte. Aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammend, hing es bis vor Kurzem in der Pfarrkirche Babensham und wurde seit 1958 gleichsam als Musterbeispiel häufig abgebildet. In der Regel sind die Künstler dieser ausdrucksvollen Szenen mangels Signaturen anonym geblieben, doch in den Kirchenrechnungen finden sich manchmal Hinweise auf örtliche Maler: So erhält 1775 der Wasserburger Maler Niklas Bernhardt (Bürgeraufnahme circa 1761, gest. 1785) 6 Gulden „umb 3 fasten Bilder vor die Altär“ in Evenhausen. Möglicherweise sind eine Geißelung und Dornenkrönung Jesu, die heute in der dortigen Seelenkapelle hängen, die beiden Fastenbilder für die Seitenaltäre (als Teile der Kreuzwegstationen wären sie für eine Landkirche viel zu groß). Übrigens werden auch in Halfing die Seitenaltäre mit Szenen der Geißelung und Dornenkrönung in etwa gleicher Größe verhängt. Maler Sebastian Jellmichel (Bürgeraufnahme 1685, gest. 1712) schuf ebenfalls drei Fastenbilder, entsprechend der Anzahl der Altäre, für St. Leonhard am Buchat, die jedoch nicht mehr erhalten sind.
Kirchensur: In Kirchensur wurde am 18. beziehungsweise 25. Februar nach einer aufwändigen Restaurierung erstmals wieder nach etwa einem halben Jahrhundert ein großformatiges Fastentuch aus der Zeit um 1700/50 mit einer Kreuzigungsszene gezeigt (wie berichtet). Aufgerollt auf einer Stange und am unteren Ende ebenso mit einer Stange beschwert, damit es glatt hängt, zeigt die Szene in kräftigen Farben Maria und Johannes sowie eine der anderen Marien unter dem Kreuz, während Maria Magdalena den Kreuzesstamm umfasst. In der Regel haben die regionalen Künstler gängige Kupferstiche als Vorlagen verwendet. In Kirchensur hat der Maler Johann Streng von Evenhausen im Jahr 1840 für „II. Advent, u. II. Fasten-Öhlgemälde, nebst zwei Rahmen mit Feingold und weißer Planirung“ 16 Gulden 36 Kreuzer erhalten. Diese gerahmten, kleinformatigeren Bilder waren vermutlich für die Seitenaltäre bestimmt und konnten im Advent und in der Fastenzeit vor die üblichen Retabeln gestellt werden. Während das Bild für den Hochaltar erhalten blieb und nun wieder gezeigt wird, gelten die beiden anderen Bilder als verschollen.
Schnaitsee und Stephanskirchen: In Schnaitsee und Stephanskirchen bei Amerang haben es die Mesner leichter. Dort ist das Hochaltarblatt durch einen Kurbelmechanismus versenk- und einrollbar. Stattdessen können gleichgroße Fastenbilder hochgezogen werden, in Stephanskirchen eine „Todesangst Jesu“-Szene, in Schnaitsee eine Geißelung Jesu. Den Altären beider Kirchen ist gemeinsam, dass sich dahinter ein bühnenartiger Raum befindet, in dem mit entsprechenden Kulissen und beweglichen Figuren die Todesangst Jesu am Ölberg nachgespielt und sogar das Heilige Grab aufgebaut werden konnte. Derartige, aus dem Barock stammende Mysterienspiele, welche den Gläubigen das Passionsgeschehen nahebringen sollten, waren in der Aufklärung zwar verboten, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wiederbelebt worden. In den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts gerieten sie erneut in Vergessenheit und galten bei den Liturgiereformern als nicht mehr zeitgemäß. Mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden und die wenigen noch vorhandenen Bühnenaltäre werden wieder „bespielt“, Stephanskirchen seit 1987, Schnaitsee seit 2014.
Zellerreit und Wasserburg: Mit 390 Jahren ist das Fastentuch von Zellerreit das älteste erhaltene Exemplar im Wasserburger Raum. Es stammt aus dem Jahre 1628 und hängt heute in der Gruftkirche/Werktagskapelle neben St. Jakob in Wasserburg. Ursprünglich hatte es Abraham Kern für seine Schlosskapelle in Zellerreit in Auftrag gegeben. Es misst 2,2 x 2,5 m und zeigt auf grober Leinwand eine Beweinung Christi. Maria hat den Leichnam Jesu auf dem Schoß liegen, während Maria Magdalena und zwei Engel mit Tüchern Arm und Beine von den Spuren der Kreuzigung reinigen. In seinem Rechnungsbuch hat der Auftraggeber festgehalten: 1628 „Den 18 Martj ein gemallen Fastentuech für den Altar gen Zellerreüth machen lassen, dem Pidenharter Maller (ohne Leinwanth) Lohn bezalt 3 Gulden 10 Kreuzer“. Wahrscheinlich ist der Künstler Georg Pittenharter, der zwischen 1606 und 1620 mehrfach namentlich für Abraham Kern und sein Schloss in den Büchern erscheint. Aber auch seine Söhne Melchior (Bürgeraufnahme 1619) und Wolfgang (Bürgeraufnahme 1622) kämen in Frage, da sie bei der Bürgeraufnahme wohl schon Meister waren.
Für St. Jakob in Wasserburg sind in den Inventarlisten „auf der Bibliotheca 21 gemahlene Fastentücher“ verzeichnet, wobei zu bedenken ist, dass diese Kirche neben dem Hochaltar und zwei Pfeileraltären nur 14 Seitenaltäre in den Kapellen besaß. Die meisten dieser Bilder dürften verschollen sein, lediglich zwei großformatige Darstellungen lassen sich vielleicht diesem „Dekorationsfundus“ für die Fastenzeit zuordnen. Der „Verrat des Judas“ (210 x 145 cm) befindet sich heute in Privatbesitz, während die „Todesangst Jesu“ (208 x 135 cm) im Gemäldedepot des Museums verwahrt wird und wegen seiner Größe noch nie gezeigt wurde. Die etwa gleichen Maße entsprechen den Breiten der Mittelteile der Altäre in den Seitenkapellen. Vermutlich wurden die Bilder 1870/71, als die barocke Ausstattung versteigert wurde, von Privatpersonen erworben, obwohl sie keinesfalls „Wohnzimmer-Format“ besaßen. Anlässlich der Sedan-Feier (Kapitulation der französischen Armee in Sedan am 2.9.1870) in der Jakobs-Kirche hatte man das Hochaltarblatt mit der „Todesangst Jesu“ und Kulissenteilen des Heiligen Grabes verstellt.
Sicher sind noch weit mehr barocke oder aus dem 19. Jahrhundert stammende Fastentücher zu entdecken, etwa im Fundus der Pfarrei Eiselfing, die es wert wären, wieder ausgestellt zu werden.