Kiefersfelden – Die religiösen Botschaften der ab 1618 im Kiefersfeldener Volkstheater über 200 Jahre lang gespielten Heiligenlegenden, Bibel- und Parabelstücke zeigen sich auch in den ab 1833 gespielten Ritterdramen. Sie sind immer wieder geprägt von Kreuzzügen, Gottesur-teilen oder mystischen Erscheinungen. Die Inszenierungen, gespielt von Laien, die sich als Darsteller und nicht als Schauspieler ver-stehen, folgen historischen Vorbildern, geprägt von einer überlieferten Sprachmelodie in weitgehend dialektfreier Hochsprache.
Das große Verdienst des Volkstheaters Kiefersfelden ist das beharrliche Streben, durch ihr Spiel eine sonst längst in Vergessenheit geratene Kunstform zu bewahren. Die Ritterstücke sind geprägt von dramatischer Wucht, von gelegentlicher Übersteigerung und erstaunlichen Wendungen des Geschehens auf der Bühne. Die Besucher können über das historische Bühnengeschehen schon einmal schmunzeln, bekommen aber keine Parodie vorgeführt. Diese Ernsthaftigkeit der historischen Spielweise überzeugt die Zuschauer bis heute.
Das Spiel auf der historischen Drehkulissenbühne versucht die überlieferte Dramaturgie der seit Jahrzehnten im Kiefersfeldener Volkstheater gespielten Ritterdramen lebendig zu halten. Diese entwickelten sich aus den Stoffen der Räuber- und Ritterromane des ausgehenden 18. Jahrhunderts, angereichert mit Anleihen bei Klassikern, von Schiller bis zu Shakespeare. Besonders prägend sind die Stücke des „Hausautors“ Josef Georg Schmalz. Der 1793 im Tiroler Zillertal geborene Schmalz kam 1838 als Holzknecht und Köhler nach Kiefersfelden und eroberte dort im Handumdrehen das Theaterpublikum mit seinen Ritterstücken. 23 stammen nachweislich aus der Feder von Schmalz.
Besonders beliebt sind beim Publikum bis heute die von Josef Georg Schmalz in seine Ritterdramen eingebauten Monologe und Zwischentöne der Figur des „Kasperl“. Der ist mal Haus- und Hofdiener, mal Mundschenk und trägt je nach Stück verschiedene Namen von Lipperl oder Konrad bis zu Scharagg oder Abutschek. Der Kasperl ist dem Hanswurst des Wiener Volkstheaters entlehnt und ein Mittler zwischen der Dramatik der Bühne und den realen Nie-derungen der Menschen. Der Kasperl in den Ritterdramen bekommt immer wieder Soloauftritte. Höhepunkt sind dabei seine gereimten Lieder, begleitet vom Harmonium. Einfache Texte zur Erquickung des Publikums oder zur Beruhigung nach einer grausamen Szene – immer mit Schalk im Nacken und doch die Dinge auf den Punkt bringend.
Das Volkstheater Ritterschauspiele Kiefersfelden hat das große Glück, seine einzigartigen und unvergleichlichen Theaterinszenierungen auf der weitgehend unverändert erhaltenen barocken Drehkulissenbühne aufführen zu können. Die war schon zu großen Teilen auch in den Vorgängerbauten der 1833 am heutigen Standort gebauten hölzernen „Theaterhüttn“ vorhanden. Die mehrfach vergrößerte und renovierte Spielstätte wurde 1971 grundlegend erneuert und bis heute zu einem funktionalen und dennoch historischen Theaterhaus optimiert. Der Zuschauerraum unter dem hölzernen Sichtdachstuhl bietet mit seinen 420 nach oben ansteigenden, bequemen Sitzen allen Besuchern eine gute Sicht auf die Bühne.
Die Ritterschauspiele Kiefersfelden wurden und werden bis heute immer wieder weiter entwickelt, gestrafft und liebevoll entstaubt. Ausufernde Dialoge und Monologe der Ritterdramen, beispielsweise vom oft gespielten Josef Georg Schmalz, aber auch anderer Autoren, wurden gekürzt. Mit neu komponierten Gesängen und Effektmusik in historischer Anmutung wird versucht, den Spielfluss besser zu strukturieren und lebendiger zu machen. Die Theatermusik, ob Lieder, Chöre, Vorspiel oder markante Märsche, wird immer live gespielt, oft auch sichtbar vor und auf der Bühne. Das zeigt sich auch in der aktuellen Jubiläumstrilogie, die schon in der Spielzeit 2016 begann und im Jubiläumsjahr 2018 abgerundet wird. Nach dem sakralen Schauspiel „Heiliger Sebastian“ und dem im letzten Jahr gespielten turbulenten Ritterschauspiel „Genovefa“, folgt heuer die Krönung mit dem 1835 entstandenen „Kaiser Oktavianus“ von Josef Georg Schmalz. Ein Ritterdrama in vier Akten, quer durch Raum und Zeit, mit Liebe, Intrigen, Hass und Gnade.
Bis zu 100 Mitwirkende tragen auf, vor oder hinter der einzigartigen barocken Bühne jedes Jahr ihren Teil zum Gelingen der Ritterschauspiele in Kiefersfelden bei. Nach monatelangen Proben stehen im Programmheft der Aufführungen nur die Personen des Stückes und keine Namen der dazugehörigen Darsteller. Niemand soll hervorgehoben werden, nur alle zusammen können jedes Jahr den überregionalen Erfolg schaffen – und garantieren ihn schon 400 Jahre lang.
Das Jubiläumsjahr feiert das Volkstheater Kiefersfelden voller Fantasie und Elan. Am Samstag, 5. Mai, wird ein von Förderverein und Gemeinde finanziertes großes Ritterkunstwerk am Rathausplatz eingeweiht. Gleich anschließend, beim offiziellen Festakt im Theaterhaus, zeigt das Volkstheater in szenischen Darstellungen die unverwechselbare Bühnenpräsenz der Ritterdramen. Die Nachwuchsbühne „Kieferer Wichtl“ wagt sich vorweg schon im Juni an kindgerechte Aufführungen des historischen Ritterschauspiels „Kaiser Oktavianus“.
Das dramatische Erfolgsstück des Josef Georg Schmalz wird daran anschließend an allen Wochenenden von Ende Juli bis Mitte September als Jubiläumsinszenierung der Ritterschauspiele Kiefersfelden auf- geführt.re/ge