Mediterranes Glanzlicht

von Redaktion

Lido Palace – Institution am Nordufer des Gardasees

„Wozu braucht man einen Schlüssel, wenn es ohnehin nichts zu stehlen gibt?“ Goethe hatte, wie immer, ein offenes Auge für seine Umgebung. Und ganz besonders während seiner legendären „Italienreise“, die ihn im Jahr 1786 mit der Pferdekutsche von Rovereto aus an das Nordufer des Gardasees führte. Den langen Stiefel der Appenin-Halbinsel noch vor sich und die „Iphigenie“ in sich, an der er gerade intensiv arbeitete.

Doch sein Blick galt nicht nur der Armut dieser Region, sondern auch der Schönheit der Landschaft. Stolze Zweitausender standen sich hier direkt gegenüber und umschlossen in weitem Bogen den See. So recht nach dem Geschmack der Fürstbischöfe von Trient, die hier von ihrem Außenposten Riva del Garda aus nach dem Rechten sahen.

Auch Napoleon warf schon bald ein Auge auf die gesamte Region. Das österreichische Kaiserpaar Franz Josef und Elisabeth statteten Riva del Garda vom fernen Wien aus einen Besuch ab und quartierten sich hier am Seeufer ein.

Denn der Ort hatte mit dem Übergang von Frankreich zum Habsburger Reich wieder einmal seinen Herrschaftsbereich gewechselt. Dieser glückliche Umstand bedeutete für das Städtchen die Initialzündung für seine spätere Blüte. Bis hin zu einem aus dem Rahmen fallenden Hotelneubau, der alle Unterkünfte der Umgebung von Ausstattung und Lage her in den Schatten stellen sollte. Dazu galt sein Jugendstil als eine Offenbarung für alle Liebhaber der „Belle Epoque“.

Am vorletzten Tag des Jahrhunderts, am 30. Dezember 1899, wurde es als „Lido Palace“ feierlich eröffnet. Als eine standesgemäße Bleibe für die High Society der damaligen Zeit. Von den milliardenschweren Vanderbilts bis hin zur geistigen Elite wie Franz Kafka, Thomas Mann und Friedrich Nietzsche. Selbst Erzherzog Franz Ferdinand, der österreichische Kronprinz, konnte seinen Wunsch nicht unterdrücken, diesem angesagten Ort einen persönlichen Besuch abzustatten.

Wie hätte er auch ahnen können, dass sein plötzlicher Tod vor genau hundert Jahren dieser kurzen aber stolzen Tradition ein jähes Ende setzen sollte? Denn nach dem verhängnisvollen Attentat auf ihn im serbischen Sarajewo zerstörte der Erste Weltkrieg das habsburgische Reich, und weite Teile fielen an Italien. So auch Riva del Garda samt seinem „Lido Palace“. Und dieses fiel für lange Jahrzehnte in einen tiefen Dornröschenschlaf.

Im Juni 2011 war es dann schließlich so weit. Das „Lido Palace“ wurde in alter und neuer Pracht wiedereröffnet und erfreut sich seitdem, so Hotelchef Gabriele Galieni, regen Zuspruchs. Für den Neuentwurf hatte man den venezianischen Architekturprofessor Alberto Cecchetto verpflichten können, der dem alten Gebäudetrakt mit einem unauffälligen neuen Stockwerk gleichsam eine repräsentative gläserne Krone aufsetzte.

Auch der Gartenbereich wurde in Cecchettos Neuplanung einbezogen. Er verwandelte sich in ein neues gastronomisches Zentrum, in dem die Restaurants unmittelbar in den Parkbereich eingebunden sind. So fühlt sich jeder, während er die Köstlichkeiten von Sternekoch Giuseppe Sestito zu sich nimmt, beim Blick in den Garten eher umgeben von der Natur als von der Architektur.

Supermodern auch die Wellness-Anlage mit ihrer legendären „Salzmauer“, ihrem Wärmeparcours, der finnischen Saune sowie ihrem Außen- und Innenpool. Allein die blumige Beschreibung der unterschiedlichen Wellness-Behandlungsmöglichkeiten lässt aufhorchen. Da ist die Rede von einem antiken Bade-Ritual aus Japan, dem Garten der Genüsse, einem südamerikanischen Sonnenuntergang bis hin zu einem Birmanischen Traum. Die Entscheidung fällt für eine sinnliche „Reise in die Südsee“, die nach kurzer atmosphärischer Einstimmung beginnt.

Sie ist unter den zarten Händen von Sylvia nur zu beschreiben mit assoziativen Bildern totaler Hingabe an tropische Genüsse wie der Hitze auf der Haut, dem Rauschen der Wellen und der Wiedergeburt eines neuen Menschen, der da schließlich rundum erneuert wieder aufersteht.

Wenn der Abend seine dunkle Decke über den See wirft, leuchtet vom gegenüberliegenden Gipfel des Rocceta-Berges die Fassade der St. Barbara-Kapelle herunter. Und erweckt für einen Augenblick die Illusion, als sei in leichtem Abenddunst gerade der Mond aufgegangen.

Wen würde es da wundern, wäre Goethe heute Zeuge dieser einzigartigen Stimmung, wenn er sofort sein Schreibgerät zücken würde, um seine Eindrücke zu Papier zu bringen. Sicherlich könnte ihn nichts davon abhalten, in mediterraner Vorahnung den Zauber dieser italienischen Nacht in Versform zu kleiden. Vielleicht sogar mit dem Unterton: „Verweile doch, du bist so schön?“ Mehr Infos unter www.rivadelgarda.com, www.gardatrentino.it, www.lido-palace.it.

Bernd Kregel

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