Nelson Mandelas runder Geburtstag elektrisiert seine Fangemeinde im südlichen Afrika. Selten zuvor hat jemand eine solche Wertschätzung erfahren wie er. Und damit zugleich ein Ansehen erworben, das heute bereits Züge der Heiligenverehrung in sich trägt. Seine riesige freistehende Skulptur unterhalb der Regierungsgebäude von Pretoria bestätigt diesen Eindruck. Gleich einem Heilsbringer steht er da mit erhobenen Armen, als wolle er der Stadt und dem Erdkreis seinen persönlichen Segen erteilen.
Die Botschaft kommt an und bahnt sich ihren Weg bis hinunter zu den Gleisen und Hallen der „Rovos Rail Station“ von Pretoria. Hier steht der legendäre „Shongololo Express“ schon bereit, um nach einer feierlichen Aufbruchszeremonie die erwartungsvollen Gäste in seine Abteile aufzunehmen. So bleibt nach dem Füllen der Fächer noch eine kurze Verschnaufpause, bevor der „Shongololo Express“ mit seinem langen Anlauf beginnt über Kimberley bis nach Namibia. Schon ertönt das Signal zum Aufbruch und gemächlich setzt sich der „Tausendfüßer“, so die Übersetzung, in Bewegung.
Dabei ergibt sich genügend Gelegenheit, um sich mit den traditionsreichen Waggons des „Shongololo Express“ vertraut zu machen. Dazu gehören natürlich auch die beiden Speisewagen, der Salon- und Barwagen sowie die Aussichtsplattform am Ende des Zuges. Allesamt Treffpunkte, die während der gesamten Reise dem guten Ausblick und dem regen Gedankenaustausch dienen. Ja, hier lässt es sich in der Tat stilvoll leben, umgeben von einer wilden Landschaft, die sich auf vielfältige Weise präsentiert.
In Lüderitz, einem Städtchen am Atlantischen Ozean, thront auf einem Abhang die lutherische Felsenkirche, zu der einst Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich ein kostbares Glasfenster beisteuerte. Größte Sensation ist jedoch die Geisterstadt Kolmanskoop.
Seit der Entdeckung eines riesigen Diamantenvorkommens war es hier aus mit der Normalität. Auf dem Bauch kriechend wurden hier Unmengen von Marmeladengläsern mit den kostbaren Rohdiamanten gefüllt. So lange bis der Spuk vorüber war und neben maroden Villen vor allem die Erinnerung an bessere Zeiten übrigblieb.
Aufhebung
der Schwerkraft
Zu diesem überraschenden Ende trugen nicht zuletzt die Ausläufer der Namib Wüste bei, die noch heute die Straßen und Bahngleise mit prickelnden Sandschwaden überwehen. Doch was sind diese schon im Vergleich zu den feuerroten Dünenbergen, die sich weiter nördlich im Namib Naukluft Nationalpark zu einem ausgedehnten Dünenmeer verdichten?
Als höchste Wanderdünen der Welt wird ihr scharfer Kamm je nach Windrichtung von roten Sandwolken umtost. Kein leichtes Unterfangen, sich bei flimmerndem Sonnenlicht auf der Dünenkante hinaufzuarbeiten.
Als besonders attraktiv erweist sich der Aufstieg auf die lang geschwungene Sicheldüne am Rande des Sossusvlei-Beckens. Mit mehr als dreihundert Metern Höhe erschließt sich Stück für Stück eine immer reizvollere Aussicht, bis sich vom Dünengipfel her das volle Ausmaß dieses faszinierenden Landschaftstyps offenbart. Als ebenso abenteuerlich wie der Aufstieg erweist sich das sanfte Hinabgleiten auf direktem Wege hinunter ins Sossusvlei. Denn dabei stellt sich ein beglückendes Naturerlebnis ein, bei dem das Gesetz der Schwerkraft für kurze Zeit aufgehoben zu sein scheint.
Mit dem Weg in Richtung Norden ändert sich auch das Landschaftsbild. Hier hat sich der Sand zu soliden Sandsteinformationen verfestigt, aus denen heraus sich die Spitzkoppe als das „Matterhorn Namibias“ vor dem blauen Himmel abhebt.
Nach einem solchen Ausflug ist es ein Vergnügen, die Stadtarchitektur von Swakopmund auf sich wirken zu lassen. Sie ermöglicht einen Rückblick in die alte kaiserliche Zeit.
Die Etosha-Pfanne ist der letzte Höhepunkt der Zugreise, an dem sich ein geradezu unwirkliches Spiel zwischen Wahrnehmung und Fantasie entfaltet. Denn wie einem irrealen Bild Salvador Dalis entlehnt, vermischt sich ihr weißer Grund unmerklich mit dem Dunst des Horizonts. Eine trostlose Landschaft, die jedoch deutlich kontrastiert mit dem unerwarteten Tierreichtum an den jeweiligen Wasserlöchern. Dr. Bernd Kregel