Reges Treiben auf dem Marktplatz von Carouge.Foto Kregel
Facetten eines Lebensgefühls
Der Geist von Genf
Noch verbirgt sich die Sonne hinter dem Ostufer des Genfer Sees. Ob sie wohl ahnt, welchen Empfang man ihr vom lang gezogenen Steg der „Bains des Paquis“ aus bereiten wird? An diesem frühen Morgen ist es die Musikergruppe mit dem passenden Namen „Sonne von Afrika“, die sie im Rahmen der traditionellen „Aubes Musicales“-Konzerte schwungvoll über den Horizont des Seeufers geleiten will. Mit heißen Rhythmen aus Guinea, aufmunternd und anspornend zugleich.
Teilstück solch stilvollen Erwachens bildet auch die Wasserfontäne des Jet d’Eau. Jenes sich in allmorgendlichem Zeremoniell immer wieder neu erschaffende Wahrzeichen der Stadt. Auf die Minute genau erhebt sie sich bei einer Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern 140 Meter hoch. Sanft gestreichelt vom Morgenwind, der sich vom Montblanc herüber bis hinunter ins Tal bewegt.
Sinnenfreude in
der Kunst
Also atmet dieser Morgen den viel beschworenen „Geist von Genf“? Fast möchte man sich bereits mit dieser Antwort zufriedengeben, wären da nicht – ausgestreckten Zeigefingern ähnelnd – die beiden wuchtig aufragenden Türme der Kathedrale. Deren Botschaft könnte darin bestehen, bei der Suche nach dem Geist von Genf nicht die Reformation zu übersehen, die in ihrer speziellen Form des Calvinismus von hier aus ihren Ausgang nahm. Jene asketische Variante religiösen Neubeginns, unter anderem entworfen zu dem Zweck, störenden katholischen Schnickschnack aus dem Weg zu räumen. Und dabei als Preis für diesen religiösen Übereifer auf jegliche weltlichen Sinnenfreuden zu verzichten.
So musste sich der Geist von Genf in späteren Zeiten neu orientieren. Und tat dies vor allem mit den Mitteln der Kunst. Symbolisch für den Durchbruch dieses freiheitlichen Geistes steht aktuell das Museum für zeitgenössische Kunst. Eröffnet vor etwa 20 Jahren in den geräumigen Hallen einer Fabrik, gilt das MAMCO, wie es respektvoll genannt wird, heute als „einer der wichtigsten Ausstellungsorte für die Gegenwartskunst in der Schweiz“.
Weniger stilisiert geht es dagegen zu in Carouge, der ländlichen Vorstadt von Genf. Endstation Sehnsucht für alle, die in ungezwungener Atmosphäre für ein paar gemütliche Stunden Entspannung suchen außerhalb der „kleinsten Metropole der Welt“. Jenseits all der Banken und Geldinstitute, durch die sich Genf in die Liga der acht größten Finanzplätze der Welt emporgearbeitet hat. Wie anders dagegen das kleine Carouge, in das der Geist des Großkapitals noch nicht vorgedrungen ist.
Wochenmarkt mit Blütenpracht
Stattdessen erfreut ein malerischer Wochenendmarkt die Gemüter mit spätsommerlicher Blütenpracht. Und ebenso sind es die kleinen Lädchen, Galerien und Cafés, die zum Stöbern und Entspannen einladen. Geradezu verführerisch die Chocolaterie Martel in der Rue du Marché mit ihren aromatisch duftenden Pralinenkreationen. Oder das Cinéma BIO, ein gediegenes Traditionskino mit seiner kleinen Bar direkt am Marktplatz gleich gegenüber dem Café du Marché.
Und doch verliert sich der Geist von Genf offenbar nicht in der Vorstadtidylle. Will er sich auch finden lassen jenseits der Rhone genau am anderen Ende der Stadt? Denn hier ragt, prächtig wie eh und je, das Palais des Nations empor, die Fassade stilvoll eingerahmt von den Flaggen aller 193 Länder der Weltgemeinschaft. Einst zwischen den Weltkriegen der Sitz des Völkerbundes, heute hingegen der prominenteste Ableger der Vereinten Nationen nach der UNO-Zentrale in New York.
An diesem Sommerwochenende jedoch ist bei allem Einsatz für den Weltfrieden erst einmal feiern angesagt. Schon Tage zuvor ging es während der Fetes de Geneve überaus jahrmarktmäßig zu an den mit Buden und Fahrgeschäften angefüllten Ufern des Sees. Bis eine unbändige Feierlaune – Calvin hin und her – von der ganzen Stadt Besitz ergriffen hat. Kregel