Inseln im Meer des Wahnsinns

von Redaktion

Genossenschaften bieten die letzten bezahlbaren Mietwohnungen

Eine Wohnung zu finden ist auch in Städten wie München kein Problem. Vorausgesetzt, man kann sich eine hohe Miete leisten. Für Normalverdiener ist es allerdings eng auf dem Wohnungsmarkt. Ein Lichtblick sind dabei die Wohnungsgenossenschaften.

Michael und Christine K. sind Normalverdiener. Der 54-Jährige arbeitete bei derMünchner Müllabfuhr, Schichtbeginn 6 Uhr morgens, Müllcontainer raus auf die Straße schieben, Müll in das Müllauto kippen, Container wieder zurück in den Hof. Das geht auf die Bandscheiben. Jetzt hat Michael einen leichteren Job, die Ehefrau ist in der Stadtverwaltung tätig.

Seit gut vier Jahren wohnt das Ehepaar in einem Wohnblock aus den 20ern am Wettersteinplatz. Das Ehepaar hat lange um die Wohnung gekämpft, ist jetzt zufrieden mit den 75Quadratmetern: Flur, Küche, Bad, Wohnzimmer mit Erker, Schlafzimmer. Das Fenster zu öffnen ist wegen des Lärms durch den Straßenverkehr allerdings nicht zu empfehlen. Die Wohnung ist mit einer Miete von etwa 700 Euro sehr günstig für München – allerdings auch exklusiv. Denn der Wohnblock gehört einer Beamtengenossenschaft, die nur Beamte und städtische Mitarbeiter aufnimmt – „Glück gehabt“, sagt Christine K.

Nicht weit von ihnen entfernt wohnt Michaels Schwester Susi F. Sie sagt: „Ich bin mit meiner Wohnung sehr zufrieden.“ Auch wenn sie im vierten Stock liegt. Und auch wenn ein paar Meter entfernt der Verkehr vom Mittleren Ring herüberdröhnt. Susi F. arbeitet als Verkäuferin in der Innenstadt. Nach ihrer Scheidung musste sie mit nur einem Gehalt auskommen – und sich eine finanzierbare Wohnung suchen.

Jetzt zahlt sie rund 500 Euro für 55 Quadratmeter. Derartige Mieten finden sich meist nur noch, wenn es sich um Genossenschaftswohnungen handelt. Die Häuser der Wohnungsbaugenossenschaften liegen wie Inseln im „Meer des Wahnsinns“, wie Kritiker das Mietniveau beschreiben.

Viele der Genossenschaften stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende um 1900, als sich Eisenbahner, Arbeiter und kleine Angestellte zusammentaten, um günstiges Wohnen zu ermöglichen. Ihr Prinzip hat die „Baugenossenschaft des Verkehrspersonals 1898 e.G.“ in München-Laim an der Hauswand festgemacht: „Das Jammern tötet keine Maus, die Hand ans Werk baut nur das Haus.“

Auch die Wohnung von Susi F. gehört einer Genossenschaft, der „Wohnungsbaugenossenschaft der Flieger und Kriegsgeschädigten in Bayern e.G.“.

Weil bei den alten Genossenschaften Grundstücke und Häuser längst abbezahlt sind und auf die Miete (bei den Genossen heißt das „Nutzungsgebühr“) nur die Renovierungs- und Verwaltungskosten umgelegt werden und der Profit entfällt, können die Wohnkosten noch niedrig sein. Anders ist das bei den in den vergangenen Jahren neu gegründeten Genossenschaften. Hier liegt die Nutzungsgebühr aus Finanzierungsgründen oft auf gleichem Niveau wie im freifinanzierten Neubausegment. Aber auch die Altgenossenschaften werden zunehmend exklusiv: Wegen der hohen Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum haben viele von ihnen längst einen Aufnahmestopp verfügt.ome/epd

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