Venedig ächzt unter den Touristenmassen und hat bereits einige Maßnahmen ergriffen, das Problem in den Griff zu kriegen: Touristenabgabe, Verhaltensregeln für die engen Gassen, Drehkreuze an neuralgischen Stellen, Demonstrationen gegen die Kreuzfahrtriesen, die die Lagune und das Fundament der Stadt zerstören.
Gleichzeitig lebt die „Serenissima“ von den Horden, die täglich über sie hereinbrechen. Routiniert werden sie an den kulturellen Hotspots der Lagunenstadt abgefertigt, abgespeist und abkassiert. Als Lockmittel dienen nicht nur die altgedienten Touristenfallen wie der Markusplatz mit Campanile und Markusdom oder die Rialtobrücke.
Venedigs Klientel sind Kulturbegeisterte, die sich von den Fresken und Werken alter Meister in den Kirchen, von den Gemälden in Galerien und Museen, von der unvergleichlichen Architektur und von der Biennale – einem Event, das Kulturbeflissene alle zwei Jahre fest in ihrem Kalender stehen haben – zu Begeisterungsstürmen und zum Besuch der alternden Schönheit hinreißen lassen.
80 Künstler präsentieren heuer in den Giardini und im Arsenale ihre Werke und fordern unter dem Thema „May you live in interesting times“ zu Diskussion und Auseinandersetzung auf. Die Zerrissenheit in solchen Zeiten zeigt vielleicht am besten das Werk des Schweizer Künstlers Christoph Büchel: „Barca nostra“ ist das gesunkene blau-rotbraune Flüchtlingsboot, auf dem 2015 im Mittelmeer fast 700 Menschen ums Leben kamen.
Das Hauptwerk des deutschen Pavillons, der von der Künstlerin Natascha Sadr Haghighian gestaltet wurde, ist ein grauer Staudamm, aus dem ein schwarzes Rinnsal fließt.
Viele der Werke wirken apokalyptisch. Der russische Pavillon zum Beispiel taucht überlebensgroße Statuen und Denkmäler in unheimliches Licht, im Untergeschoss tanzen große Marionetten in blutroter Atmosphäre eine Stakkato-Performance. Es gebe natürlich schwierige Themen, mit denen sich die Ausstellung auseinandersetze, erklärte Kurator Ralph Rugoff. Vor allem aber seien die Kunstwerke lebendig, kraftvoll und gewinnend. Wer möchte, kann sich noch bis zum 24. November selbst einen Eindruck verschaffen.
Gutes Essen, epochenprägende Kunst, Architektur, hervorragendes Handwerk, die Kanäle und das Meer: Venedig hat eine ganz besondere Atmosphäre, die Menschen süchtig macht.
Einem solchen Liebhaber der Stadt wurde in einem sehenswerten Museum ein Denkmal gesetzt: Mit modernsten Mitteln wird das Leben Casanovas präsentiert. Mittels 3D-Brille können Besucher in den Körper des berühmten Lebemanns schlüpfen. Auch ihn zog es immer wieder in die Lagunenstadt, obwohl er zeitweise von der Inquisition verfolgt wurde und ein Jahr in den Bleikammern schmachtete, bevor ihm die Flucht gelang.
Die unvergleichliche Mischung aus Prunk und Morbidität wird bei einem Ausflug nach San Michele spürbar: Prächtige Mausoleen künden von der Grandezza der alten Familien. Die kühle Kirche bietet einen direkten Blick auf das Meer und all die Vaporetti, Schiffe und Gondeln. Auf dem Friedhof finden sich unter anderem die Gräber von Igor Stravinsky und Ezra Pound.
Puren Lebensgenuss hingegen verheißt ein Ausflug zum Lido: Am sauberen Stadtstrand suchen Einheimische und Touristen Abkühlung in den Wellen des Meeres. Es dauert nur 20 Minuten, um von der heißen, quirligen Innenstadt zum Ferienerlebnis zu gelangen. Vielleicht ist es gerade das, was Venedig so unwiderstehlich macht: die gelungene Vereinigung auch noch so großer Gegensätze.
Jeder, der diesem Zauber nicht widerstehen kann, sollte mithelfen, dass dieser auch vielen Menschen, die nach ihm kommen, erhalten bleibt: die Touristenabgabe als Beitrag verstehen und der Stadt und ihren Einwohnern mit Respekt und Rücksicht begegnen.