Wiederentdeckung der Romantik

von Redaktion

Die „Katharina von Bora“ eröffnet den Zauber nördlicher Küstengewässer entlang der Oder

Einst bewegte eine „Blaue Blume“ die Gemüter. Als Sinnbild der Romantik verzehrten sich die Künstler einer ganzen Epoche nach ihr, doch stets ohne Erfolg. Denn kaum hatten sie sich ihr in ihrem inneren Empfinden angenähert, entzog sie sich wie von Geisterhand gelenkt ihrem Zugriff. So blieb sie gleich einer ungreifbaren Fata Morgana auch weiterhin nur das imaginäre Symbol unerfüllter Träume und Sehnsüchte.

Doch auch jenseits der „Blauen Blume“ gab es im Zeitalter der Romantik Orte, vor deren spezieller Lichtkulisse sich bei sensiblen Menschen Gefühle verfestigten. Die Uferlandschaften von Ostsee und Oder gehören sicherlich dazu. Denn mit etwas Glück entdeckt man hier bis heute während einer Romantik-Kreuzfahrt die Spuren Caspar David Friedrichs, der hier, angeregt vom Lichterlebnis des Nordens, ein einfühlsames bis tiefgründiges Werk hinterlassen hat.

Meeresweite und Sternenzelt

Besonders waren es die Kreidefelsen von Rügen, die die Fantasie des Künstlers anregten. Zwar sind die von ihm zum Weltruhm gelangten „Wissower Klinken“ unlängst dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Doch bestätigt dieser bedauerliche Anlass nur seine Bildaussage, die Schönheit und Lebenszeit in ihrer Vorläufigkeit darstellt. Auch heute vermag nicht einmal der Blick auf den mächtigen Königsstuhl über diese pessimistische Grundstimmung hinwegzutäuschen.

Konkurrenz der Seebrücken

Doch für weitere Gedanken bleibt vorerst keine Zeit. Denn schon sind an der Anlegestelle in Stralsund die Schiffsmotoren angesprungen, die das Schiff entlang der Südküste Rügens durch den Greifswalder Bodden in Bewegung setzen. Ziel ist nunmehr die alte Hansestadt Greifswald, in der einst Caspar David Friedrich das Licht der Welt erblickte. Weiter südlich von Greifswald verwischen sich die Spuren des Künstlers. Denn hier beginnt mit dem Oderdelta ein unübersichtliches System von Flüssen und Kanälen. Zunächst bis zur Insel Usedom, wo die weit hinausragenden Seebrücken von Ahlbeck und Heringsdorf versuchen, ihre üppigen Schwestern von Binz und Sellin in den Schatten zu stellen.

Völlig anders präsentiert sich dagegen die polnische Großstadt Stettin, vor deren guter Stube, der monumentalen Hakenterrasse, die „Katharina von Bora“ festmacht. Insgesamt sind die Ansätze zur traditionellen Prachtentfaltung hier unverkennbar. So wachsen das Alte Rathaus, das Schloss der Pommerschen Herzöge sowie die ehrwürdige Jakobuskirche ihrer Vollendung entgegen. Ja selbst eine moderne Philharmonie in grellem Weiß schmückt inzwischen mit ihrer riesigen Zackenkrone das Stadtbild.

Zisterzienserkloster und Schiffshebewerk

Bei der Weiterfahrt in Richtung Süden dominiert erneut die vom Ufer ausgehende Romantik. Besonders, wenn sich zum Sonnenuntergang die Baumwipfel und Schilfrohre im Abendwind wiegen. Bis hin zum Oder-Havel-Kanal, in den das Schiff nun in südwestlicher Richtung einbiegt. Hier grüßt das alte Zisterzienserkloster von Chorin, das in seinen prächtigen Anlagen mittelalterlichen Charme versprüht. Doch selbst die Technik-Begeisterung kommt nicht zu kurz. Denn in Niederfinow erhebt sich seit mehr als acht Jahrzehnten ein gigantisches Schiffshebewerk, das die Schiffe in einer riesigen Wanne nach oben befördert. Vom geschützten Bug aus lässt sich diese Schiffsreise nach oben genau beobachten.

Tegel und Potsdam

Nun steht dem Berliner Zielort des Schiffes an der Havel nichts mehr entgegen. Viel zu schnell verfliegt die restliche Reisezeit bis zum Tegeler See.

Und wieder beginnt das Grübeln darüber, ob und wo sich das Schiff auf seiner langen Reise der „Blauen Blume“ ein Stück weit angenähert hat. Wie auch immer die Antwort ausfallen mag, darf ein Abstecher in die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam nicht fehlen: von der Glienicker Brücke zum Cecilienhof, vom Park von Sanssouci zum gastlichen Holländerviertel. Bernd Kregel.

Artikel 9 von 11