„Das möchte ich nicht jeden Tag tun müssen“, resümiert Karin nach vier gefüllten Wannen voller Weintrauben. In einem der Weinberge von Mendrisiotto hat sie die Reben mit einer scharfen Schere von den Stöcken gelöst, die faulen Trauben aussortiert und die guten in die Wanne gelegt. Um dem Winzer bei der Ernte zu helfen, hat sie ihren Job in Zürich für ein paar Tage ruhen lassen. „Schließlich will man ja dem Getränk auf den Grund gehen, das in keinem Schweizer Weinkeller fehlen darf“, erklärt die Freiwillige.
Bei der Traubenernte tatkräftig dabei
Der Chardonnay gehört zu den Rebsorten, die neben der dominierenden Merlot-Traube im Tessin angebaut werden. Schweizer Wein ist nur selten im deutschen Handel zu finden. Nicht etwa, weil er den Kriterien nicht standhält. „Wir produzieren nur für den eigenen Markt. Schon den können wir nicht ganz bedienen“, erzählt Carlo Crivelli, ein Fachmann auf dem Gebiet der Önologie. Er vermarktet die Erzeugnisse aus den Weinbergen von Mendrisiotto.
Ist die Ernte aus dem Berg eingebracht, beginnt der rituelle Teil der Veranstaltung. In einer Kiste dürfen die freiwilligen Helfer den Wein mit ihren eigenen Füßen quetschen. Der so prickelnde Chardonnay unter den Füßen kann nur ein guter Jahrgang werden, sind sich alle Beteiligten einig.
Dass im Tessin mit sechs Millionen Flaschen Wein pro Jahr ein großer Anteil des verzehrten Weines der Eidgenossen produziert wird, weiß am besten Andrea Rossi. Auf der Azienda Mondo lädt er die Tessin-Besucher zur Degustation der unterschiedlichen Weine der Region ein. Dabei ist der Merlot mit 80 Prozent der Gesamtmenge die herausragende Traube. In 80 Kellern werden von den 2700 Winzern des Tessin nur wenige andere Traubensorten gepflegt, zumal 70 Prozent des in der Schweiz getrunkenen Weines Rotwein ist.
Als kulinarischer Beifang wird den Gästen in aller Regel eine Platte mit deftigen Produkten vom Schwein serviert. Ähnlich den Tiroler Gepflogenheiten dürfen Speck und Salami darauf nicht fehlen.
Würzig-cremige Käse-Köstlichkeit
Ungefragt wird der Gast im Tessin zumeist mit einer Spezialität der Käsereien konfrontiert. Es ist der Zincarlin, der aus Kuh- und etwas zugesetzter Ziegenmilch hergestellt wird. Sein einzigartiger Geschmack soll schon ganze Pilgerscharen in den kleinsten Schweizer Kanton geführt haben, um den würzig-cremigen Käse zu schlemmen.
Wer sich seinem Geschmackssinn im Tessin vollständig ausliefern möchte, kann dies aber auch mit sportlichen Leistungen ergänzen. „Bike and Wine Tour“ heißt ein Schlüssel zur Bewegung. „Wir gehen davon aus, dass die Velofahrer nur degustieren“, schränkt Weinhändler Carlo Crivelli den wörtlich genommenen Tatendurst der Radler ein. Es soll allerdings schon vorgekommen sein, dass das verkehrszulässige Verhältnis von Blut und Alkohol in Schieflage geraten ist. Hier sollte wohl jeder Teilnehmer selbst sein Verantwortungsbewusstsein rechtzeitig ordnen.
Weil derzeit der Gin in keiner gut sortierten Bar fehlen darf, hat sich auch im Muggiotal eine kleine Gemeinde der Schöpfer dieser Spirituosen zusammengetan. Martino Mombelli, Giona Meyer, Rupen Nacaroglu und Damiano Merzari haben mit dem „Bisbino“ eine Bio-Variante des edlen Getränks mit ihrer Destille aus der Taufe gehoben.
Mit dem Zug auf den Monte Generose
Am besten lassen sich alle Spezialitäten des Muggiotals bei einer Wanderung erleben. Für die Tour mit einigen Höhenmetern ist man gut beraten, mit der Zahnradbahn aus Capolago hinauf zum Monte Generose zu fahren. Die erfahrene Pilotin dieser Bahn Elisabeth de Ambrosi und ihre Kollegen lassen den Elektrozug mit seinen vier 200-kW-Motoren die neun Kilometer auf den Berg mit einer Geschwindigkeit von 14 Stundenkilometern schnurren. Bei der überschaubaren Rasanz des Zug-Tempos lässt sich der Kontrast zwischen den Villen der Besserbemittelten mit Seeblick und die karge Landschaft der Bergbauern eindrucksvoll besichtigen.
Von dort aus kann dann der beeindruckende Abstieg erfolgen, gespickt mit uralten Gemäuern vergangener Jahrhunderte. An ihnen lassen sich die Strapazen der Bergbauern im Tessin leicht ablesen.
Zu den markantesten Gebäuden der teilweise zu Ruinen zerfallenen Stätten gehören die Neveren. In die tief gegrabenen, von Schieferwänden gesicherten Löcher schaufelten die Bauern im Winter Schnee, um bis in den Sommer hinein ihre erzeugten Produkte zu kühlen. Die traumhafte Landschaft ist als UNECO-Naturerbe anerkannt und unter Schutz gestellt.
Die pyramidenartigen Berge, tiefblauen Seearme und malerischen Dörfer sind aber nicht allein wegen ihrer Schönheit einzigartig. In der Landschaft um den Monte San Giorgio hat sich ein El Dorado der Archäologen entwickelt. Der Grund dafür sind die bis zu 230 Millionen Jahre alten Fossilien aus dem Zeitalter des Trias. Einen Einblick in das Leben dieser Zeit bietet das Fossilienmuseum in Meride.
Wenige Gästebetten im Muggiotal
Der Gast, der schon beim Wohnen in der abwechslungsreichen Urlaubsregion einen unvergessenen Blick auf den Luganer See haben möchte, quartiert sich zum Beispiel im Hotel Serpiano in gleichnamigem Dorf ein. Da Quartiere im Tessin noch nicht in Hülle und Fülle zu finden sind, ist eine frühzeitige Planung unerlässlich. Im Muggiotal soll die Vakanz ausreichender Gästebetten demnächst beendet werden. Wie die Tourismusverantwortliche Nadia Lupi für Mendrisiotto und Basso Ceresio mitteilt, soll ein Hoteldorf entstehen.
Der Bürgermeister der Ortschaft Scudellate hat derzeit noch Glück, dass die Besucher nicht länger als vier Tage buchen. „Wer hier länger als eine Woche bleibt, versteckt sich vor der Polizei“, scherzt er.Kurt Sohnemann