Unter Tränen zurück ins Leben

von Redaktion

Hospiz- und Trauerbegleiter helfen Trauernden, mit dem Verlust eines Menschen umzugehen

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, bleibt die Welt plötzlich stehen. Der Schmerz durchdringt alles – körperlich und geistig. Wie in Watte gepackt läuft das Leben an einem vorbei. In solchen Momenten können Trauerbegleiter wertvolle Hilfe leisten, den Weg ebnen für Hinterbliebene, damit sie den Schmerz zulassen können, nach und nach den Weg zurück ins Leben finden und langsam wieder Boden unter den Füßen gewinnen. Das alles kann Monate, manchmal auch Jahre dauern.

50 ehrenamtliche Trauerbegleiter

Der Tod gehört zum Leben dazu. Das weiß jeder. Dennoch: „In unserer Kultur erleben wir Tod und Trauer als etwas Bedrohliches, er erschüttert uns bis ins Tiefste“, erzählt Carola Kamhuber, Koordinatorin für die Trauergruppen und Trauerbegleiter beim Anna Hospizverein Mühldorf. Eine der über 50 ehrenamtlich tätigen Hospiz- und Trauerbegleiter ist Antonia Stehr aus Kraiburg. Wie viele Trauerbegleiter bringt auch Antonia Stehr persönliche Erfahrungen mit. Sie hat als Kind ihren Bruder verloren und später ihren Ehemann. Sie hat die letzten sechs Lebensmonate ihrer Mutter begleitet sowie ein Ehepaar in einem Heim auf dem letzten Weg betreut.

Traurige und zugleich wertvolle Erfahrungen. Als sie in der Heimatzeitung von der Ausbildung zur Trauerbegleiterin las, dachte sie: „Das ist etwas für mich, das kann ich.“ Der Anna Hospizverein organisiert die Aus- und Fortbildungen, in denen etwa besprochen wird, was Trauer eigentlich bedeutet und welche Prozesse ablaufen.

Rückhalt und Unterstützung

Der Verein kümmert sich auch darum, dass die Helfer selbst ihre Arbeit seelisch gut verkraften. „Wir treffen uns regelmäßig und sprechen über das Erlebte“, so Antonia Stehr. Ehrenamt ist nicht selbstlos. Zu reflektieren, warum man sich aus freien Stücken so intensiv mit diesen Themen auseinandersetzt, und die Nähe zu trauernden Menschen anbietet, ist ein ganz wichtiger Baustein für alle Hospiz- und Trauerbegleiter. „Man sollte seine eigene Geschichte gut aufgearbeitet haben, nicht zuletzt, um die nötige Distanz zu bewahren“, sagt sie. Wie wichtig ihre Arbeit ist, erfährt sie jedes Mal aufs Neue.

Nicht selten meiden Nachbarn, Angehörige und Freunde den Kontakt mit den Trauernden, weil sie sich schlicht überfordert fühlen. Was soll man sagen, wie sich verhalten? Anders Antonia Stehr. Sie geht auf die Trauernden zu, deren Geschichten ganz unterschiedlich sein können: Eine Ehefrau, die nach über 30 gemeinsamen Ehejahren ihren Mann verliert und nun jeden Morgen allein aufwacht. Die verwaiste Mutter, die ihr Kind verloren hat. Oder der Vater, der erst nach mehreren Jahren die Trauer zulassen kann.

Dass Angehörige und Freunde irgendwann der Tränen und Geschichten überdrüssig werden, die die Hinterbliebenen immer und immer wieder erzählen, ist nicht ungewöhnlich. In unserer Kultur heißt es schnell „jetzt muss es auch mal gut sein“, „schau nach vorn“. Doch gerade erzählen zu dürfen, auch wenn sich vieles wiederholt, ist wichtig und nötig, um wieder Kraft zu schöpfen. Eine Frau, die ihren Ehemann nach langer Krankheit verloren hat und eine Trauergruppe besucht, hört nicht selten: „Wühl das doch nicht immer wieder auf.“ Dabei ist es wichtig, mit der Trauer an einem Ort sein zu können und einen guten Platz für den Verstorbenen gefunden zu haben.

Bei Antonia Stehr dürfen die Trauernden erzählen, was ihnen wichtig erscheint. Auch wenn es stets die gleichen Geschichten sind.

Einfach Zuhören, Dasein, das sind ihre wichtigsten Aufgaben. Wenn sie über ihre Arbeit erzählt, strahlt sie diese Ruhe und Sicherheit aus, die eine gute Zuhörerin ausmachen.

Schweigen, spazieren, schmunzeln

Ein Patentrezept für „richtiges Trauern“ gibt es nicht: Schweigen, spazieren gehen, Musik hören, manchmal wird auch gelacht. Neben der Einzelbetreuung bietet der Verein regelmäßig Trauergruppen an.

„Alles, worüber geredet wird, bleibt unter uns“, betont Antonia Stehr. Jeder kann eine Trauergruppe aufsuchen. Religionszugehörigkeit spielt keine Rolle. Manche finden Trost im Gebet, andere können mit Glauben gar nichts anfangen. Hospiz- und Trauerarbeit gehen Hand in Hand. Manche Menschen möchten den unausweichlichen Moment, in dem das Leben den Körper verlässt, nicht allein erleben.

„Wir begreifen uns aber als Lebens- und nicht als Sterbebegleiter.“ Das ist ihr wichtig: „Schließlich ist der Tod das letzte Kapitel des Lebens“, sagt Antonia Stehr, die neben der Trauerbegleitung auch in der Hospizinsel in Waldkraiburg für Sterbende da ist. Katharina Vähning

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