In früheren Zeiten lebte der Tod mitten in der Gesellschaft. Menschen verstarben meistens zu Hause im vertrauten Umfeld, oft im Alltag, umgeben von Familie, Freunden und Verwandten. Sie alle kamen dann am Sterbebett zusammen, nahmen Abschied, in Frieden und Stille. Sie realisierten den Verlust vielleicht zum ersten Mal und begannen dadurch auch schon mit der eigenen Trauerarbeit. Heutzutage sterben 70 Prozent der Deutschen in Institutionen wie Krankenhäusern, Kliniken oder Pflegeheimen. Die Frage, die dabei oft viel zu kurz kommt, ist die des Abschiednehmens. Möchte ich mich nicht noch einmal richtig verabschieden? So oder so ähnlich könnte sie lauten.
Dabei sei das bewusste Abschiednehmen in einem persönlichen Rahmen schon besonders wichtig, um den Tod zu verarbeiten, so Udo Portner. Der Bestatter aus Rosenheim arbeitet seit 32 Jahren in seinem Beruf. Schon oft hat er Situationen erlebt, in denen die Hinterbliebenen es bedauern, nicht ausreichend oder ausfüllend genug Abschied genommen zu haben.
„Die bewusste Auseinandersetzung mit dem, was gerade passiert ist, ist aber enorm wichtig. Im vertrauten Rahmen Abschied zu nehmen, ist ein erster Schritt auf dem Weg zur Bewältigung der Trauer“, erklärt er. Oft komme es vor, dass ein Arzt den Tod eines Menschen feststellt und die Hinterbliebenen daraufhin unmittelbar ihn als Bestatter anrufen, so Portner.
Dabei gebe es eine Frist von bis zu 36 Stunden, innerhalb derer ein Verstorbener zu Hause bleiben könne oder – wenn er in Klinik oder Heim verstorben ist – zunächst auch erst wieder nach Hause zurückgebracht werden könne. „Als Bestatter fehlt mir oft der persönliche Zugang zu den Hinterbliebenen, um ihnen zu einem ausführlichen Abschied zu raten“, erzählt er weiter.
Rituale durchleben, Frieden finden
Für die Situation des persönlichen Abschieds gibt es viele Gestaltungsmöglichkeiten. Rituale können den Hinterbliebenen hier helfen, einen ersten Zugang zum Tod des Angehörigen zu finden. Letzte Worte an den Verstorbenen richten, mit ihm beten, still sitzen, Musik hören oder ihm Geschichten erzählen – die Zeit des Abschieds ist eine persönliche Zeit. Besonders wertvoll ist es auch, wenn die ganze Familie am Totenbett zusammenkommt. „Jeder Mensch hat einen eigenen Blick auf den Verstorbenen. Vor der Überführung gemeinsame Rituale zu durchleben ist besonders heilsam. Das kann die letzte Zigarette sein oder das Anziehen von ehemals geliebten Hausschuhen.“ Es sei auch möglich, Verstorbene selbst komplett neu zu kleiden und zu waschen, bevor sie überführt werden. „Die Abschiedsfeier als Lebensfeier zu gestalten – diese Chance sollten Betroffene für sich nutzen“, so der Bestatter. Veronika Görlitz