Herr Dr. Brühl, die Stadtwerke Rosenheim beteiligen sich als Pate an der OVB-Serie „Planet Heimat“. Was gefällt Ihnen an diesem Projekt?
„Nachhaltigkeit“ ist aktuell in aller Munde, aber die Betrachtungsweise ist leider sehr oberflächlich. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, richtig oder falsch. Gerade bei einem so wichtigen Thema darf man nicht mit Schlagworten um sich werfen, sondern muss Argumente finden, auf deren Basis dann Kompromisse entstehen können. Genau das erhoffe ich mir von der Serie „Planet Heimat“ in den OVB-Heimatzeitungen. Dem Thema „Nachhaltigkeit“ mehr Breite und Tiefe zu verleihen – diesen Ansatz finde ich sehr gut.
Wie definieren die Stadtwerke den Begriff „Nachhaltigkeit“?
Wir verwenden diesen Begriff bewusst nicht, weil es für dieses Wort keine schlüssige Definition gibt. Es ist eben ein typisches Schlagwort mit großer Unschärfe. Bei den Stadtwerken sprechen wir darum lieber von den Zielen, die wir uns setzen. Dazu gehört, Wege zu finden, um Energie zu sparen.
Kauft man sich ein neues Elektrogerät und schaut sich an, was eine hohe Energieeffizienzklasse tatsächlich bringt, ist das Ergebnis ernüchternd. Die konkrete Ersparnis ist gering. Bringt denn die Diskussion um Energieeinsparung überhaupt etwas?
Derartige Maßnahmen entfalten immer erst in der Gesamtheit Wirkung. Fakt ist aber auch, alle ganz einfachen Dinge in Sachen „Energieeinsparung“ sind schon abgegrast. Die Suche nach weiteren Einsparungsmöglichkeiten wird schwieriger und eines ist auch klar, je aufwendiger etwas funktioniert, desto aufwendiger ist auch seine Herstellung. Darum muss man immer ganz genau hinschauen, was letztendlich ökologisch, ökonomisch und auch sozial wirklich Sinn macht. Das Thema ist wichtig und hat es verdient, genau und differenziert behandelt zu werden. Oberflächlichkeit führt nicht weiter.
Wie betrachten die Stadtwerke Rosenheim das Thema „Klimaschutz“?
Unser Ziel ist ein wirtschaftlich sinnvoller und effektiver Klimaschutz. Für eine hohe Eigenständigkeit bei der Energieerzeugung und eine bis 2025 CO2-neutrale Energieversorgung investieren wir kontinuierlich in effiziente und nachhaltige Technologien.
Wie sehen diese Technologien aus?
Der größte Teil des Energiebedarfs in Deutschland entfällt auf Wärme. Zugleich bleiben aber gewaltige Mengen an Wärme ungenutzt, nämlich die Abwärme, die in Kraftwerken als Nebenprodukt der Stromerzeugung entsteht. Die Stadtwerke Rosenheim haben dieses Potenzial schon in den 1960er-Jahren erkannt. Damals haben wir damit begonnen, die Abwärme aus unserem Müllheizkraftwerk über ein Fernwärmenetz an unsere Kunden zu leiten.
Strom und Wärme kommen bei den Rosenheimer Stadtwerken also aus einer Anlage?
Ja, Experten nennen dieses Verfahren Kraft-Wärme-Kopplung, kurz KWK. Dafür haben wir in moderne Gasmotoren investiert, die rund 90 Prozent des Energiegehalts verwerten. Sie arbeiten aber nicht nur äußerst effizient, sondern auch extrem flexibel. Innerhalb von fünf Minuten lassen sie sich vom Stillstand zur Volllast bringen. Ein Großkraftwerk braucht dafür viele Stunden. Diesen Vorteil nutzen wir, um die Integration der erneuerbaren Energien in das Energiesystem voranzubringen. Wenn Windräder stillstehen und Solaranlagen zu wenig Licht einfangen, gleichen unsere Gasmotoren dieses Defizit sofort aus. Andersherum, weht eine kräftige Brise durch die Windparks und scheint die Sonne auf die Solardächer, fahren wir unsere Gasmotoren herunter. Die Energieerzeugung wird dadurch besonders wirtschaftlich und wir tragen so gleich in dreifacher Hinsicht zum Klimaschutz bei.
Wie viele Haushalte im Rosenheimer Stadtgebiet versorgen die Rosenheimer Stadtwerke aktuell mit Strom und Wärme?
80 bis 85 Prozent der Kunden wählen den Strom von den Stadtwerken. Die restlichen 15 bis 20 Prozent verteilen sich auf circa 200 andere Lieferanten. Die Wärmeversorgung der Stadt erfolgt zu rund 50 Prozent aus Erdgas, 30 Prozent aus Fernwärme und 20 Prozent mit Heizöl.
Die Stadtwerke haben sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2025 in Rosenheim so viel Strom zu erzeugen, wie vor Ort im Jahr benötigt wird. Kann dieses Ziel eingehalten werden?
Unser Ziel ist die Einsparung von fossilen Energieträgern und damit von Kohlenstoffdioxid. Unsere Methoden sind Energieeffizienz, erneuerbare Energie – speziell aus Holz, Biogas und Wasserkraft – und Stromerzeugung. Sie ist aber kein eigenes Ziel, sondern ein Ergebnis und hängt auch stark von den Entwicklungen in Deutschland ab, beispielsweise vom Kohleausstieg.
Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft. Die Stadtwerke Rosenheim haben sich auch die Weiterentwicklung neuer Technologien auf die Fahnen geschrieben. Wie könnte die Energiegewinnung der Zukunft denn aussehen?
Wir werden in Zukunft verstärkt auf einen Energieträger setzen, der in unserer Region schon seit Jahrhunderten eine große wirtschaftliche Bedeutung hat: Holz. Jüngst haben wir eine Anlage entwickelt, die aus Holz ein brennbares Gas gewinnt. Diesen klimaneutralen Brennstoff wollen wir künftig für die hocheffiziente Erzeugung von Strom und Fernwärme verwenden.
Ich kann mich auch noch an einen Versuch der Stadtwerke Rosenheim mit Algen erinnern?
Ja, auch damit haben wir uns vor einigen Jahren intensiv beschäftigt. Algen haben meiner Meinung nach ein enormes Potenzial, in Sachen Ernährung ebenso wie bei der Energiegewinnung. Aber für uns hier in Rosenheim erwies sich dieser Weg nicht als zielführend. Letztendlich scheiterte es auch an der Ressource Geld, denn um Algen als Energieträger zu nutzen, bräuchte man große Flächen und die sind in unserer Stadt Mangelware und damit teuer.
Welchen Technologien geben Sie noch eine Zukunft?
Wenn wir zukünftig unsere Energieversorgung klimafreundlich, bezahlbar und zuverlässig sichern wollen, müssen wir viele unterschiedliche Techniken einsetzen. Dabei kommt es da-rauf an, die jeweiligen Stärken und Schwächen sehr detailliert zu berücksichtigen. Erneuerbare Energien sind nicht nur Wind- und Solarenergie, sondern auch Wasserkraft, Biomasse, Umweltwärme und am Ende auch Reststoffe. Energieeffizient ist nicht nur Wärmedämmung, sondern auch Kraft-Wärme-Kopplung und Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung sowie Wirkungsgradsteigerungen an vielen Stellen. Wir starten jetzt beispielsweise mit dem Einsatz von Wärmepumpen, um Umweltwärme und Abwärme aus unseren Anlagen für die Fernwärme nutzbar zu machen. Das ging früher nicht. Zukünftig werden sich die Techniken weiterentwickeln und neue Chancen eröffnen. Brennstoffzellen könnten so ein Kandidat sein, die Herstellung synthetischer Brennstoffe oder auch die Nutzung von Algen. Wir können uns auch eine viel stärkere Nutzung von Wasserstoff vorstellen. All das hat viel Potenzial, ist aber zurzeit noch zu teuer oder technisch noch nicht ausgereift. Die Zukunft verspricht viel spannende Entwicklungen, die wir gerne prüfen und einsetzen werden. Das Interview führte Karin Wunsam