Vom Zauber der „Stillen Nacht“

von Redaktion

Nirgendwo begegnet der Reiz des Weihnachtsfestes intensiver als in der „Bergweihnacht“. Wenn der Winter seinen weißen Mantel über das Land wirft und die Berggipfel in Eis und Schnee erstarren lässt. Dann ist es Zeit für weihnachtliches Brauchtum, das hier fester verankert zu sein scheint als anderswo. So auch im Salzburger Land, in dessen Hauptstadt Salzburg bunte Weihnachtsmärkte und barocke Prachtbauten sich für eine Zeit lang in weihnachtlichem Glanz strahlend miteinander verbinden.

Und immer wieder begegnet in der Advents- und Weihnachtszeit das Lied von der „Stillen Nacht“, das von der Stimmung her besonders gut in diese romantische und zugleich raue Bergwelt hineinzupassen scheint. Ein Lied, das längst seinen Siegeszug in alle Welt angetreten hat und bereits in 380 Sprachen und Dialekten gesungen wird. Hier im Salzburger Land, so heißt es, sei es zum ersten Mal erklungen. Grund genug für eine Spurensuche nach seinen Ursprüngen entlang den Ufern der Salzach.

Talent des unehelichen Sohnes

Die erste Spur findet sich in Salzburg selbst und zwar in der Steingasse gegenüber der Salzburger Altstadt. Hier steht direkt am Steilabhang des Kapuzinerberges das Geburtshaus von Joseph Mohr, mit dem alles begann. In den Wirren der napoleonischen Kriege verschlug es Mohr als Vikar in Richtung Süden auf die andere Seite des Tauernpasses. Hier fand er in dem malerisch gelegenen Ort Mariapfarr eine Anstellung. Diese zwang ihn selbst im tiefsten Winter zu stundenlangen Märschen auf einsam gelegene Bauernhöfe, um dort in Notfällen das Sterbesakrament zu erteilen.

War es nun eine aus der Schneeeinsamkeit gewonnene Eingebung oder vielmehr die Jesusdarstellung des „holden Knaben im lockigen Haar“ auf dem linken Altarflügel seiner Pfarrkirche? Niemand kann heute noch genau nachvollziehen, warum Mohr in dieser leidvollen Situation des Jahres 1816 das Gedicht von der „Stillen Nacht“ aus der Feder floss. Ein Text, dessen sechs Strophen sich noch heute bei genauer Lektüre als ungeahnt gehaltvoll erweisen, indem sie – völlig neu für die damalige Zeit – Jesus als Bruder für die Völker der Welt vorstellen.

Kein Platz in der Liturgie

Doch die eigentliche Sternstunde sollte erst noch kommen. Und zwar im Jahr 1818, als es Mohr in die andere Richtung verschlug, nach Oberndorf, einer Ortschaft nördlich von Salzburg. Hier begegnete er dem Lehrer Franz-Xaver Gruber, den er noch kurz vor dem Weihnachtsfest desselben Jahres bat, eine passende Melodie zu seinem bereits zwei Jahre alten Gedicht zu schreiben. Erstmals an diesem Heiligen Abend erreichte das Lied die Ohren der Menschen des Ortes. Nicht während der Messe, da die Liturgie keinen Platz dafür bereithielt. Wohl aber im Anschluss daran, als Mohr und Gruber mit Gitarrenbegleitung die sechs Strophen zweistimmig vortrugen. Sicherlich noch ohne Gemeindegesang, da es keinen eingängigen Refrain gab, den man einfach hätte mitsingen können.

Doch der Anfang war getan. Gleichsam eine Initialzündung, die sich einmal über die ganze Welt entladen sollte, selbst wenn dies an diesem Abend noch niemand ahnen konnte. Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Ursache für diesen unglaublichen Erfolg der „Stillen Nacht“ ist bis heute jedoch nicht erkennbar. War es der vom Marienkult der damaligen Zeit abweichende Text? Die einfühlsame Melodie? Oder gar die Mischung aus beiden? Sicher ist nur, dass das Lied die Herzen der Menschen erreichte. Schlicht und ergreifend.

Doch während das Lied bis heute seinen Erfolgszug selbst an die entlegensten Enden der Welt fortsetzt, ist die Kirche seiner Uraufführung in Oberndorf längst Geschichte. Sie fiel mehreren Überschwemmungen und Feuersbrünsten zum Opfer, sodass schließlich auf einen erneuten Wiederaufbau verzichtet wurde. Auf ihren Trümmern findet sich nun zu ihrem Gedächtnis die kleine „Stille-Nacht-Kapelle“, heute bereits eine viel besuchte Pilgerstätte, die die Erinnerung an jene denkwürdige Heilige Nacht des Jahres 1818 aufrechterhält. Ihre Glasfenster sind geschmückt mit den Abbildungen der beiden ersten Liedinterpreten Gruber und Mohr.

Ausführlicher widmet sich dem Gedächtnis des Komponisten Gruber eine Ausstellung im Schulhaus von Arnsdorf. Hier unterrichtete er in der heute ältesten Schule des Salzburger Landes die Kinder und versah zudem den Organistendienst in der angrenzenden Marienkirche, auf deren kleiner Orgel er auch seine Kompositionen für Chor und Orchester erprobte. In Hallein, südlich von Salzburg, fand er schließlich seine letzte Ruhe direkt an der Eingangstür seines Wohnhauses.

Originalgitarre von Joseph Mohr

Auch dies wurde als ein „Stille-Nacht-Museum“ hergerichtet und zeigt – eine wirkliche Sensation! – die Originalgitarre Mohrs, auf der dieser einst in jener denkwürdigen Nacht den zweistimmigen Gesang begleitete.

Lärm der Krampusse

Mohrs Lebensweg hingegen endete in Wagrain, wo ein schmiedeeiserner Kranz auf dem Kirchhof mit Mohrs Porträt in der Mitte an die letzte Wirkungsstätte des Theologen und Dichters erinnert. Nicht weit entfernt vom Grab des Schriftstellers Heinrich Waggerl, in dessen einstigem Wohnhaus dem Verfasser der „Stillen Nacht“ ein ganzer Raum zum ehrenden Andenken eingerichtet wurde.

Bis hier schallt in der Vorweihnachtszeit der Lärm der Krampusse, die in alter Tradition auf dem Adventsmarkt an der festlich erleuchteten Dorflinde mit ihren fratzenhaften Masken Furcht und Schrecken verbreiten. Doch irgendwann einmal geht auch ihr Lärm zu Ende. Was zurück bleibt ist der im Salzburger Land beheimatete Zauber der „Stillen Nacht“.

Mehr Informationen unter www.salzburgerland.com, www.stillenachtland.at oder www.salzburg.info.

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