Bauen, bauen, bauen: Das ist das Mantra der Bundesregierung. 400000 neue Wohnungen pro Jahr sind das ambitionierte Ziel. Gerade in Regionen, in denen bezahlbarer Wohnraum immer knapper wird, sollen diese neuen Bauprojekte für Entlastung sorgen. Dagegen regen sich in der Wissenschaft Zweifel, ob dieser Weg tatsächlich der einzig richtige ist.
Größere Wohnung wird mit Glück gleichgesetzt
Die Bauoffensive hat nicht nur Vorteile: Immer mehr Flächen werden versiegelt, der CO2-Ausstoß steigt. Dabei ist Wohnraum wohl nicht nur knapp wegen zu weniger Wohnungen. Sondern auch wegen eines immer größer werdenden Flächenkonsums des Einzelnen.
„Der Komfortanspruch innerhalb der Bevölkerung nimmt zu. Und mit ihr der Anspruch, in größeren Wohnungen zu leben“, sagt etwa Professor Werner Lang von der Technischen Universität München. Der Inhaber des Lehrstuhls für energieeffizientes Planen und Bauen verweist auf eine gesellschaftliche Vorstellung, die diesen Anspruch immer höher schraubt: „Eine größere Wohnfläche wird bei uns auch mit einer generellen Vorstellung von Glücklichsein in Verbindung gebracht.“
Laut aktuellen Zahlen der Landesbausparkasse (LBS) weist die Bundesrepublik qualitativ und quantitativ mit rund 41 Millionen Wohneinheiten eine gute Wohnraumversorgung auf. Ist das Wohnraumproblem demnach – jedenfalls zum Teil – tatsächlich keine Frage des „zu wenig“, sondern eines des zu hohen Anspruchs innerhalb der Bevölkerung?
Ein Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd) unterstützt diese Vermutung. Trotz Konjunktureinbrüchen und teils horrender Immobilienpreise steigt laut iwd die Wohnfläche, auf der die Menschen in Deutschland leben, seit Jahrzehnten fortlaufend an. Aktuell wohnt jeder Einwohner auf knapp 49 Quadratmetern – das sind drei Quadratmeter mehr als im Jahr 2010 und sieben mehr als zur Jahrtausendwende. Dass der Wohnflächenkonsum beständig und in allen Altersbereichen gestiegen ist, hat dabei laut iwd vor allem zwei Ursachen: steigende Einkommen und der Trend zur Singularisierung. 1991 lebte in Deutschland in 34 Prozent aller Haushalte nur eine Person, 2018 betrug der Anteil der Singlehaushalte bereits 42 Prozent. Darüber hinaus gilt: Je älter jemand ist, desto größer ist in der Regel die Wohnung oder das Haus, das die Person bewohnt.
Eine Tatsache stört allerdings die These des hohen Flächenkonsums als Grund für die Wohnraumknappheit. So ist in Großstädten die Pro-Kopf-Wohnfläche laut iwd sogar gesunken – und das vor allem wegen des dortigen geringen Angebots an Wohnraum. Hier scheint demnach das Mantra der Bundesregierung der richtige Ansatz.
Als Allheilmittel zukünftigen Wohnens in Deutschland dürfte „Bauen, bauen, bauen“ dennoch nicht funktionieren.