Wie krisenfest ist der Arbeitsmarkt in der Region?

von Redaktion

So ist die Situation in den Agenturbezirken vor Ort

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Rosenheim, Michael Schankweiler, und die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Traunstein, Jutta Müller, schätzen den Arbeitsmarkt nach wie vor als robust ein, sehen aber auch erste Veränderungen.

Im September war die Arbeitslosenquote bayernweit leicht auf 3,3 Prozent zurückgegangen, unter anderem, weil Betriebe mit Blick auf das neue Ausbildungsjahr junge Menschen eingestellt haben. Gibt es mittlerweile Krisenzeichen am Arbeitsmarkt?

Jutta Müller: „Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen ist ein bekannter „September-Effekt“. Mehr als ein Viertel aller Abmeldungen erfolgten in Ausbildung oder Qualifizierung. Aber natürlich steigen auch allgemein die Abmeldezahlen, weil auch die Entscheider in den Betrieben alle wieder am Arbeitsplatz sind und die Betriebe ihre Betriebsferien beendet haben.

Sowohl der Stellenbestand als auch das Angebot an Ausbildungsstellen sind nach wie vor sehr gut. Allerdings sehen wir einen geringeren Stellenzugang. Das kann gerade August/September auch daran liegen, dass viele Betriebe ihre Stellen für den Herbst schon im August melden.

Es kann auch ein Anzeichen für eine leichte Zurückhaltung der Arbeitgeber sein. Das werden wir am Verlauf der nächsten Monate sehen. Insgesamt sind die Einstellungen jahreszeitlich angemessen.“ Michael Schankweiler: „Wir freuen uns, dass sich der Arbeitsmarkt in Deutschland, Bayern und auch in unserer Region in Zeiten steigender Preise und Energiekosten weiterhin robust zeigt. Viele Betriebe fragen nach wie vor vor allem Fachkräfte nach und halten an ihrer hohen Ausbildungsbereitschaft fest, um sich so die Fachkräfte von morgen zu sichern. Die Zahl der Menschen unter 25 Jahren, die arbeitslos gemeldet sind, ist im Monat des Ausbildungsbeginns, dem September, auch im Raum Rosenheim leicht zurückgegangen, und mit 3470 waren mehr Stellenangebote gemeldet als in den Vorjahren um diese Zeit. Viele Betriebe gehen demnach davon aus, dass sie in Zukunft weiteres Personal benötigen werden. Wir sehen jedoch auch, dass die Zahl der neu gemeldeten Stellenangebote in den vergangenen Monaten zurückgegangen ist. Dies würden wir nicht direkt als Krisenzeichen werten, kann aber darauf hindeuten, dass die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zunächst mit ihrem angestammten Personal weiterarbeiten wollen und bei Neueinstellungen vereinzelt abwartend reagieren.“

Sind einzelne Branchen oder Regionen stärker betroffen?

Jutta Müller: „Wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt, ist kaum vorherzusagen. Es sind zu viele Faktoren, die sich in den verschiedenen Sektoren unterschiedlich auswirken. Die Entwicklung der nächsten Monate bleibt weiterhin mit hohen Unsicherheiten verbunden. Aktuell ist der Arbeitsmarkt stabil. Der Krieg in der Ukraine, Lieferengpässe, Preiserhöhungen und insbesondere die unsichere Energieversorgung in den kommenden Monaten belasten jedoch die wirtschaftliche Entwicklung. Einen Einbruch am Arbeitsmarkt erwarten wir aber nicht. Bereits in vergangenen Krisen haben sich Wirtschaft und Arbeitsmarkt entkoppelt. Wir stellen allerdings einen erhöhten Beratungsbedarf für die Kurzarbeit fest. Das ist die erste Stufe, die Unternehmen bereiten sich also vor. In den Kurzarbeitsanzeigen gibt es noch keinen Anstieg.“

Michael Schankweiler: „Branchenmäßig ist der Trend des Rückgangs der neu gemeldeten Stellen im Raum Rosenheim am ehesten bei den Verkaufs- und Handelsberufen zu erkennen.“

Werden in der Region nach wie vor dringend Fachkräfte gesucht?

Jutta Müller: „Der Fachkräftebedarf zieht sich mittlerweile durch alle Branchen, zwar nicht gleichermaßen, jedoch spürbar. Viele konjunkturunabhängige Berufe melden steigenden Bedarf: Kinderpflege, Alten- und Krankenpflege, Erziehung, Betreuung, alle Berufe im und um das Gesundheitswesen. Dadurch, dass Digitalisierung nun für alle ein Thema ist, werden auch IT-Fachleute gesucht.

Auch im Hotel- und Gaststättengewerbe klagen viele Arbeitgeber über fehlende Fachkräfte. In der Pandemie haben viele in andere Berufe gewechselt und sind nicht zurückgekehrt. Dazu wurde wegen der Kurzarbeit die normale Fluktuation, zum Beispiel in den Ruhestand, nicht ausgeglichen. Vereinzelt sind bereits Stellenangebote für die Wintersaison eingetroffen, hier müssen wir die Entwicklungen noch abwarten, wie sich die Wintersportorte ausrichten müssen und können.“

Michael Schankweiler: „Die Nachfrage nach ausgebildeten Fachkräften ist weiterhin sehr hoch. Knapp 60 Prozent der Stellenangebote im Raum Rosenheim sind für dieses Qualifikationsniveau gemeldet, dabei waren hier mehr Stellenangebote als Bewerberinnen und Bewerber registriert. Wir möchten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sehr gerne dabei unterstützen, ihren Fachkräftebedarf zu decken. Häufig hilft dabei der Blick in die eigenen Reihen, in denen es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem großen Potenzial und einer großen Bereitschaft und Motivation sich zu qualifizieren gibt. Wir bieten in sehr vielen Bereichen Weiterbildung von der Anpassungsqualifizierung bis zum Berufsabschluss an – mit einer entsprechenden Kostenübernahme und/oder auch Lohnkostenzuschuss, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind.“

Artikel 1 von 11