Vor drei Jahren wurde die Ausbildung in der Pflege überarbeitet. Die Erwartungen waren hoch. Michael Wittmann, Geschäftsführer der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (KöR), zieht ein Fazit.
Würden Sie heute zu einem Beruf in der Pflege raten?
Ich habe die Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert und würde in jedem Fall zu einer Ausbildung oder ein Studium zur Pflegefachfrau/mann raten. Es ist ein sehr sinnstiftender und erfüllender Beruf und ermöglicht ein Arbeiten „mit allen Sinnen“. Das Berufsbild geht deutlich über das hinaus, was sich viele landläufig darunter vorstellen. Es braucht sehr viele Kompetenzen, um diesen Beruf ausüben zu können. Zudem gibt es unendlich viele Möglichkeiten der individuellen Fort- und Weiterentwicklung. Neben der allgemeinen Pflege in Kliniken, Pflegeheimen oder ambulanten Diensten kann man sich spezialisieren, etwa für eine Tätigkeit auf Intensivstationen, im Operationssaal oder in gerontopsychiatrischen Wohnbereichen.
Ebenso steht die Tür offen für den Gang an die Hochschule. Hier sind Studiengänge in Pädagogik, Pflegewissenschaft oder Management von großer Bedeutung. Auch „Digitalisierung“, „Robotik“, Prävention und Beratung sind große Themen.
Die neue generalistische Ausbildung läuft seit fast drei Jahren. Wo sehen Sie die Stärken, wo die Schwächen der Ausbildungsreform?
Die generalistische Ausbildung ist alternativlos, allein schon deshalb, um den europäischen und internationalen Anschluss an die Entwicklungen im Beruf „Pflege“ nicht noch mehr zu verlieren. Unglücklich war das Zusammentreffen des Beginns der neuen Ausbildung mit dem Beginn der Corona-Pandemie. Dies hat viele notwendige Veränderungen in den Ausbildungsbetrieben und Pflegeschulen erschwert und behindert. Die Pandemie stand immer an erster Stelle im beruflichen Alltag. Die Umsetzung der neuen Ausbildung musste unter den jeweils aktuellen Erfordernissen der Pandemie umgesetzt werden. Eine sehr schwierige Zeit.
Heute stelle ich fest, dass immer mehr Ausbildungsbetriebe die Chancen dieser neuen Ausbildung erkennen. Was zunächst oft nur als Mehrbelastung gesehen und teilweise abgelehnt wurde, wird jetzt mehr und mehr zur Normalität und macht den Beruf attraktiver. Der dramatische Personalmangel in vielen Kliniken und Einrichtungen der Langzeitpflege zwingt die Arbeitgeber dazu, gute Angebote zu machen. Dies muss auch in der Ausbildung so sein.
Als Schwäche zeigen sich derzeit noch die Umsetzung der hochschulischen Ausbildung und die Ausbildung für besondere Einsatzfelder wie die Psychiatrie oder auch Pädiatrie. Aber diese Schwachstellen sind erkannt und es wird daran gearbeitet.
Die Abbrecherquote war in den Ausbildungsberufen der Pflege früher sehr hoch – hat sich hier etwas durch die neue Ausbildung verändert?
Leider sehen wir auch in der neuen Ausbildung noch immer ähnliche Abbrecherquoten. Allerdings hat eine Studie der VdPB ergeben, dass die bisherigen Abbrecherquoten in der Pflegeausbildung nicht maßgeblich von der in anderen Ausbildungsberufen abweichen.
Als Ursache für den Abbruch kann natürlich die Pandemie ein Grund gewesen sein. Aber auch eine grundsätzliche Überforderung von Auszubildenden ist zu befürchten. Der Personalmangel in der Pflege führt doch immer wieder dazu, dass Auszubildende zu rasch mit Tätigkeiten betraut werden, in deren Ausübung sie noch nicht ausreichend Sicherheit erlangt haben. Dies muss von den Ausbildungsbetrieben in der Praxis zukünftig sehr gut reflektiert werden – eine gute Praxisanleitung muss hier sichergestellt werden.
Wie sehen Sie den Stellenwert der Pflege?
Der Stellenwert des Pflegeberufes ist hoch, allein durch den dramatischen Anstieg des Bedarfes. Leider können wir in unserem Gesundheitswesen unsere Kompetenzen nicht ausreichend einbringen. Die Vorgaben der Gesetzbücher SGB V und SGB XI beschneiden uns hier stark. In der Zukunft benötigen wir unbedingt eine Neuaufteilung der Aufgaben: Wir müssen weg von unserem sehr arztzentrierten Gesundheitswesen. Die eigenständige Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten – die für Pflegekräfte im internationalen Vergleich selbstverständlich ist – muss nun auch in Deutschland rasch umgesetzt werden. Sie wird maßgeblich zur Steigerung der Attraktivität in diesem Beruf beitragen.
Laut dem Statistischen Bundesamt (Meldung April 2023) gab es im Jahr 2022 weniger Neuverträge als im Vorjahr: Wie erklären Sie sich das?
Zahlreiche Medienveröffentlichungen haben nicht dazu beigetragen, für diesen Beruf zu werben, etwa Skandale in Pflegeheimen. Zudem führten politische Entscheidungen wie die Impfpflicht dazu, dass das Interesse am Pflegeberuf zurückging. Auch steht Deutschland vor einem enormen demografischen Wandel, der bereits heute Ursache für einen Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel ist. Der Pflegeberuf muss mit allen anderen Arbeitgebern im Land konkurrieren. In der Folge braucht es hochattraktive Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten, um ausreichend Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen.