Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber, die Strategien der Firmen und die Frage, warum junge Menschen eine Ausbildung abbrechen. Antworten von Jutta Müller, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Traunstein, und Michael Vontra, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Rosenheim.
In den vergangenen Jahren gab es deutlich mehr Ausbildungsplätze als Bewerber: Welche Branchen sind hier in der Region besonders betroffen?
Jutta Müller: Seit mehr als 12 Jahren ist es mittlerweile so, dass es mehr Ausbildungsstellen als Bewerber gibt. Auch in diesem Jahr, wo 2672 junge Leute die Auswahl aus 3605 Ausbildungsstellen haben. Durchweg sind alle Branchen davon betroffen. Einige mehr, wie etwa die Verkaufs- und Handelsberufe; hier sind noch über 500 Ausbildungsplätze zu besetzen. Ebenso bei den medizinischen Gesundheitsberufen, auch hier sind Bewerberinnen und Bewerber Mangelware. Unter den Top Five der unbesetzten Ausbildungsstellen sind auch Berufe der Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Energie- und Elektronikberufe und Metallerzeugung und -bearbeitung, wo noch über 300 Ausbildungsstellen zu besetzen sind. Natürlich ändern sich die Zahlen täglich, das ist ein jährlich wiederkehrendes Phänomen, weil sich nicht alle Bewerberinnen und Bewerber abmelden oder weil sie sich erst im letzten Moment entscheiden.
Mit der Initiative „Zukunftsstarter“ hoffen wir, Menschen im Alter von 25 bis 35 Jahren für eine zweite Chance für einen Berufsabschluss zu gewinnen, um die Ausbildungsstellen zu besetzen. Eine Ausbildung lohnt sich in fast jedem Lebensalter.
Michael Vontra: Deutlich mehr Stellenangebote als Jugendliche, die eine Ausbildungsstelle suchten, waren beispielsweise in den Berufsgruppen Maschinenbau- und Betriebstechnik, Energie- und Elektrotechnik, Hotellerie/Tourismus und Verkauf gemeldet. Es gibt aber auch Berufe, beispielsweise in der Holzbe- und -verarbeitung oder die Fahrzeug-, Luft-Raumfahrt-, unter anderem Kfz-Mechatroniker und Schiffbautechnik, in denen die Zahl der Bewerber die der Stellenangebote übersteigt. Es lohnt sich also, sich möglichst frühzeitig um einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Unsere Berufsberater und Berufsberaterinnen, die unter der Rosenheimer Nummer 08031/202-222 direkt zu erreichen sind, helfen hier gerne.
Früher mussten sich Schulabgänger um einen Ausbildungsplatz bewerben, heute werben die Firmen um Nachwuchs. Wie können Betriebe die Absolventen erreichen?
Jutta Müller: Die Zeiten, zu denen es stapelweise Bewerbungen auf eine Stelle gab, sind schon lange vorbei und die angenehme Vorstellung, dass man sich aus 100 Bewerbern den besten herauspicken kann, passt nicht mehr in die Zeit. Arbeitgeber überlegen sich natürlich altersgemäße Verbesserungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei den Azubis sind es eher Vergünstigungen wie Zuschüsse zum Fitness-Studio oder zum Führerschein, ein Tablet oder Smartphone. Das ist für jungen Leute natürlich attraktiv.
Trotz allem müssen der Beruf und das Ausbildungsumfeld natürlich stimmen. Deshalb haben sich viele Arbeitgeber verstärkt in den Social Media umgetan. Dort sind Videos über die Berufsausbildung gepostet, virtuelle Firmenrundgänge oder spannende Azubi-Projekte, die den Betrieb interessant machen. Viele Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern auch einen Bonus, wenn sie Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte in die Firma holen.
Michael Vontra: Jedes Unternehmen muss selbst entscheiden, welche Strategie die Richtige für sie ist. Wichtige Instrumente, um Auszubildende für sich zu gewinnen, sind Schnupperpraktika, der Kontakt zu Schulen und Mund-zu-Mund-Propaganda sowie Ausbildungsmessen, Anzeigen in lokalen Medien und immer mehr auch Internetplattformen. Zudem beraten unsere Ansprechpartner vom Arbeitgeberservice zur Stellenausschreibung, um Jugendliche anzusprechen sowie zu Unterstützungsmöglichkeiten während der Ausbildung wie Nachhilfeunterricht zum Berufsschulstoff oder sozialpädagogische Betreuung. So erhalten auch Bewerber eine Chance, die vielleicht nicht auf den ersten Blick zu 100 Prozent gepasst haben.
Trotz der Informationsflut über Berufe, Online-Angebote, Beratungen und Ausbildungsmessen brechen viele Auszubildende ihre Ausbildung ab: Was sind die Gründe?
Jutta Müller: Etwa ein Viertel der Azubis brechen ihre Ausbildung ab. Doch bedeutet ein Ausbildungsabbruch nicht Abbruch aller Ausbildungen, sondern führt in weit mehr als der Hälfte der Fälle zu einer Umorientierung. Ein Teil der Abbrecher geht wieder zur Schule oder beginnt doch ein Studium. Dennoch ist das natürlich ein Bruch in der Vita und bedauerlich für den Arbeitgeber.
Wir sind in den Berufsschulen in engem Kontakt mit den Lehrern und können so potenzielle Abbrecher früh ausmachen. Dort bieten wir eine Beratung für den Ausbildungsanschluss an. Ein Großteil der Abbrecher bleibt im selben Ausbildungsberuf, möchte also nur den Betrieb wechseln. Die Gründe in so einem Fall sind vielfältig, entweder passt das Team nicht, die Ausbildungssituation, es kam zu Unstimmigkeiten und vieles mehr.
Es gibt auch trotz der Informationsfülle Ausbildungsabbrüche, weil sich der junge Mensch eben nicht informiert hat, sondern aufs Geratewohl oder auf Empfehlung der Eltern, der Freunde und Freundinnen für eine Ausbildung entschlossen hat, die nicht zu den Talenten und Interessen passt. Deshalb veranstalten wir ja in den Schulen bereits früh die Berufsorientierungen. Seit Kurzem haben wir VR-Brillen, bei denen sich der Jugendliche virtuell sehr realistisch die Anforderungen und Bedingungen der Wunschausbildung anschauen kann.
Michael Vontra: Die Gründe, warum Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen, können die einzelnen Betreffenden und/oder die Betriebe wohl besser beantworten als wir. Häufig ist es so, dass junge Menschen, die überlegen, ihre Ausbildung abzubrechen, sich bereits vorher einen neuen Ausbildungsbetrieb suchen und sich entsprechend gar nicht bei uns melden.
Generell ist es aber wohl so, dass Jugendliche auf einem Ausbildungsmarkt, auf denen sie sich gute Chancen ausrechnen, schnell einen neuen Ausbildungsplatz zu finden, eher die Lehre abbrechen als wenn die Angebote rar sind. Wir sehen es als wichtige Aufgabe an, Jugendliche und Betriebe schon vorher ausführlich zu beraten, sodass die Ausbildungsverhältnisse, die zustande kommen, wirklich passen und halten. Das ist dann bereits im Voraus eine Prävention des Ausbildungsabbruches.