Für Oberaudorfs Bürgermeister, Dr. Matthias Bernhardt, besteht kaum ein Zweifel: Die Neubaustrecke des Brenner-Nordzulaufs wird kommen, denn sie ist von „ganz oben“ politisch gewollt. Zu glauben, die Parlamentarier würden sie im nächsten Jahr überraschenderweise noch ablehnen, ist deshalb wahrscheinlich nur eine Illusion. Mit dieser Haltung steht er nicht allein, sie ist Konsens unter den Bürgermeistern des Inntals.
Mit der Bahn im
Dialog bleiben
Für Dr. Bernhardt und seine Kollegen gilt deshalb: Man muss im Dialog mit der Deutschen Bahn bleiben, muss versuchen das Beste für das Inntal herauszuholen. Auch wenn dieser Dialog seinen Namen nicht immer verdient, wie Dr. Bernhardt meint. Einiges hat man schon erreicht: Die Inntalstrecke soll fast über ihre ganze Länge untertunnelt werden, einzig die geplante Verknüpfungsstelle auf der Höhe von Kirnstein soll oberirdisch angelegt werden.
Genau diese Verknüpfungsstelle aber hat es in sich: Sie braucht weit mehr als doppelt so viel Platz wie die normale Streckenführung und das an einer Stelle, in der das Inntal am engsten ist. Sorge bereitet auch der zu erwartende Lärm: Schallschutzwände können ihn mindern, aber nicht aus der Welt schaffen. Und die Geräuschbelästigung, wenn tatsächlich einmal 400 Züge pro Tag über diesen oberirdischen Streckenabschnitt rauschen sollten, die Personenzüge dann mit einem Tempo von möglicherweise 230 Kilometern, wird, so befürchtet man, enorm sein. Nicht nur für die unmittelbare Umgebung der Verknüpfungsstelle, sondern wegen der Schallausbreitung über die ganze Breite des Inntals zu hören.
Genau diese Tatsache hat mit dazu geführt, dass sich auch Gemeinden auf der österreichischen Seite für eine Verlegung der Verknüpfungsstelle in den Berg stark machen und dafür teilweise auch ihren Geldbeutel öffneten: Insgesamt zehn Gemeinden, von Raubling bis Kiefersfelden haben ein Gutachten darüber erstellen lassen, ob eine Verknüpfungsstelle technisch machbar ist. Das Gutachten, das von Tunnelbaukoryphäen erstellt wurde, die an den Basistunnels von Brenner und Gotthard mitgearbeitet haben, kommt zum klaren Schluss: Eine Verknüpfungsstelle im Berg ist möglich, die „Geht auf gar keinen Fall“-Haltung der Bahn damit unbegründet.
Jetzt gilt es, die Bahn dazu zu bringen, eine Verknüpfungsstelle im Berg planerisch ernsthaft in Betracht zu ziehen und zu diesem Zweck nützen die Bürgermeister der Inntalgemeinden jede nur erdenkliche Chance, um zunächst die Politik für dieses Thema zu sensibilisieren. Denn wie Oberaudorfs Bürgermeister immer wieder betont: Bahnstrecken sind Bauten, die über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte bestehen bleiben. Zu verlangen, dass sie bestmöglich geplant werden, ist daher nicht mehr als recht und billig. jt