In seinem ersten Leben hat Hannes Schmid Top-Models sowie Pop- und Rockstars fotografiert und sich mit Werbeaufnahmen der Marlboro-Kampagnen einen Namen gemacht. Er hätte wahrscheinlich weiter für Hochglanzmagazine gearbeitet und ein bequemes Leben in Zürich geführt, wenn ihm nicht 2012 in Thailand ein bettelndes Mädchen über den Weg gelaufen wäre. Ihr Gesicht war von Säure zerfressen und entstellt.
Die Begegnung mit der damals 13-jährigen Khat Waew veränderte das Leben von Hannes. Er recherchierte, erfuhr, dass das Mädchen aus den Slums der Müllhalden rund um Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh stammte. Sie wurde von ihren Eltern absichtlich verstümmelt und zum Betteln nach Thailand verkauft. Ein grausames Schicksal, das sie mit vielen anderen Kindern in Kambodscha teilt.
Ihre Geschichte ließ Hannes Schmid nicht mehr los. So sehr, dass er sich mitten hinein begab zu den Ärmsten der Armen. Ein Jahr lang lebte er in einer Hütte im Müll – unter menschenunwürdigen Bedingungen. Und dabei wurde ihm klar – Geld kann hier nichts bewirken. Die Menschen, meist ehemalige Bauern, die ihr Land verloren hatten, waren entwurzelt, ihrer Hoffnung und Perspektive beraubt.
Hannes‘ Vision: „Ich wollte ein exemplarisches Modell einer funktionierenden, ländlichen Community schaffen, die irgendwann autark funktioniert und den Menschen Bildung, menschenwürdige Arbeit und nachhaltiges Einkommen sichert.“ 2014 kauft Hannes Schmid 60 Kilometer nördlich von Phnom Penh neun Hektar Land.
Vor den Toren
Phnom Penhs
Er stellte es Familien aus den Slums zur Verfügung, sie sollen dort ihre eigene Farm aufbauen und so ein eigenes Einkommen erwirtschaften. „Die Rücksiedelung aus den Slums auf das Land war für viele Menschen ihre einzige Chance“, ist der heute 76-jährige überzeugt. Er strahlt übers ganze Gesicht, wenn er davon erzählt, wie er Holzhäuser baute, Schweine und Hühner anschaffte, Gemüsebeete anlegen ließ. Und er ließ sich auch nicht aufhalten, als das Projekt zu scheitern drohte. Weil sich die Bodenbeschaffenheit für das Gemüse als völlig ungeeignet herausstellte, die Familien kaum Produkte auf dem Markt verkaufen konnten. Hochverschuldet, konsultierte Hannes Agrarexperten und startete neu. Mit Erfolg.
Heute ist der Smiling Gecko Campus auf 150 Hektar Land angewachsen und das Vorzeigeprojekt in Kambodscha. Hannes Schmid und sein Team setzen auf Schule und Ausbildung, Landwirtschaft, Handwerk sowie Gewerbe – und auf Einnahmen aus dem Tourismus. 2015 eröffneten erste Gästehäuser auf dem Areal. Mittlerweile zählt das „Farmhouse Resort“ 34 schöne Zimmer in Holzbungalows.
Zwei Swimming-Pools, Yoga-Pavillons, ein exklusiver Spa-Bereich sowie zwei Restaurants lassen bei Besuchern keine Wünsche offen. Auf die Frage, ob ein Luxus-Resort in einem so armen Land wie Kambodscha vertretbar ist, antwortet Hannes: „Ganz klar, ja. Die Einnahmen sind wichtig, um das Projekt und vor allem die Schule voranzutreiben. Um den Menschen hier Perspektiven zu geben.“
Über 30 junge Kambodschaner erhalten derzeit bei Smiling Gecko eine Berufsausbildung in der Gastronomie und Hotellerie. Eine Schreinerei, eine Fisch- und Hühnerzucht sowie eine Großküche bieten Arbeits- und Lehrplätze. Die Ausbildung wird von Fachkräften aus der Schweiz begleitet, folgt internationalen Standards.
Seit 2017 gibt es einen Kindergarten und eine Grundschule. Hier lernen fast 400 Kinder. In den kommenden Jahren sollen bis zu 1000 Schülerinnen und Schüler von dem Projekt profitieren. On top ermöglicht die Schule den Kindern ein regelmäßiges, gesundes Essen, eine Krankenstation sowie Sport- und Musikunterricht. Die musische Bildung ist Hannes, dem Feingeist, sehr wichtig. Vor allem die Rückbesinnung und der Stolz auf die eigene Kultur wird bei Smiling Gecko gefördert.
Die Entdeckung eines unglaublichen Talents
Die Farm und das Hotel sollen laut Schmid bis 2025 auf eigenen Beinen stehen und auch die Schule größtenteils selbst finanzieren. „Ohne Covid-19 wäre dies bereits 2020 der Fall gewesen. Die Pandemie hat uns mehrere Jahre zurückgeworfen“, sagt er.
Dennoch wächst das Projekt unaufhörlich weiter: Im Januar 2023 ist auf dem Gelände das Fine-Dining-Restaurant „Un“ entstanden. Hier zaubert die junge Kambodschanerin Mariya Un Noun Geschmackserlebnisse auf Weltklasse-Niveau. Ihre Geschichte ähnelt derer von vielen Frauen in Kambodscha. In einem Slum aufgewachsen, wurde sie als Kind als Dienstmädchen verkauft und später zwangsverheiratet. Nach der Geburt ihres Kindes musste sie sich allein durch das Leben schlagen, lebte auf der Straße. Bis sie Hannes traf und bei Smiling Gecko ein Zuhause fand. Die Geschichte könnte hier enden, doch sie nimmt einen unglaublichen Verlauf. Mariya Un Noun half in der Küche des Farmhouse und verwendete intuitiv die traditionellen Gewürze und Rezepte der Khmer-Küche, mit der sie aufgewachsen ist. Per Zufall wurde Hannes Schmid auf ihr Talent aufmerksam und für Mariya öffnete sich ein Weg, der bis heute anhält: Sie erhielt eine Ausbildung in der Schweiz, kochte mit den Spitzenköchen Andreas Caminada und Tino Staub in Zürich und ist auf dem besten Weg, Kambodschas erste Sterne-Köchin zu werden. Mittlerweile kommen Nachwuchs-Köche aus aller Welt ins Farmhouse, um von Mariya Un Noun in die Geheimnisse der kambodschanischen Aromen eingeweiht zu werden. Für viele junge Menschen ihrer Heimat ist die 33-Jährige ein Vorbild, sie folgen ihr auf TikTok und Instagram. Restaurants weltweit werben um die zierliche Frau. Ihre Heimat aber ist und bleibt Smiling Gecko, lehnt sie dann glücklich ab.
Angela de Sando/Julitta Ammerschläger