Wohnraum ist knapp und teuer. Vor dieser Herausforderung steht beinahe jede Gemeinde. Johannes Zistl ist Erster Bürgermeister in Feldkirchen-Westerham und erklärt im Gespräch, welche Strategien die Gemeinde heranzieht, um bezahlbaren Wohnraum für alle Einkommensgruppen zu schaffen
Wie würden Sie die aktuelle Wohnsituation in Feldkirchen-Westerham beschreiben? Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen?
Die Wohnsituation in Feldkirchen-Westerham ist durch die begehrte Lage und die Nähe zu München geprägt. Der Wohnraum ist knapp und die Preise sind hoch. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, bezahlbaren Wohnraum für die einheimische Bevölkerung zu schaffen, insbesondere angesichts des hohen Drucks auf den Wohnungsmarkt durch die starke Nachfrage. Nachdem Bodenrichtwerte um 1000 Euro einen Kauf für „normale“ Einkommen nicht mehr zulassen und auch ein „Einheimischenprogramm“ in der bekannten Form unmöglich machen, gilt es langfristig neue Wege zu gehen. Auch die lokalen Mieten mit klarer Tendenz nach oben machen unseren Bürgern zu schaffen.
Wie wird in Feldkirchen-Westerham trotzdem sichergestellt, dass auch Wohnraum für unterschiedliche Einkommensgruppen, besonders auch für junge Familien, erschwinglich bleibt?
Das ist eine schwierige Aufgabe, da Angebot und Nachfrage die Preise regulieren und die Nachfrage in Feldkirchen-Westerham sehr hoch ist. Die Gemeinde bemüht sich jedoch, durch verschiedene Maßnahmen für unterschiedliche Einkommensgruppen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Zum Beispiel zielt das Einheimischenmodell darauf ab, jungen Familien und unseren Gemeindebürgern den Verbleib in der Kommune zu ermöglichen. Dies soll durch die Bereitstellung von günstigem Wohnraum für Einheimische erreicht werden. Zusätzlich könnten Käufe auf Basis von Erbbauverträgen ermöglicht werden und für günstige Miete helfen staatliche Zuschüsse wie KommWFP oder EOF.
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Wohnungsmarktes in Feldkirchen-Westerham?
Aufgrund der aktuellen Situation ist davon auszugehen, dass Einfamilienhäuser und Doppelhäuser in Zukunft nicht mehr finanzierbar sein werden. Der Fokus wird auf den Geschosswohnungsbau und alternative Wohnformen wie Generationenwohnen gelegt. Zudem wird ein Leerstandsmanagement angestrebt, um ungenutzte Flächen dem Wohnungsmarkt wieder zur Verfügung zu stellen. Unser Traum wäre die Schaffung von Wohnungen für Senioren, die bereit sind ihren inzwischen zu großen Wohnraum jüngeren Generationen und Familien zur Verfügung zu stellen. Langfristig werden wir versuchen, planungsrechtlich die Leitplanken für sinnvollen Wohnungsbau in geeigneten Lagen zu schaffen. Trotz angespannter Haushaltslage gibt es Möglichkeiten, die Bürgerinnen und Bürger beim Thema Wohnen zu unterstützen. Dabei wollen wir aber nicht die Wachstumsgrenze von einem Prozent pro Jahr aus den Augen verlieren und werden außerdem unsere selbst gesteckten Planungsvorstellungen die in Bebauungsplänen und Satzungen (Abstandsflächen oder Stellplatzsatzung) geregelt sind einhalten um eine schöne und lebenswerte Gemeinde zu bleiben.
Sie haben gerade das Thema „Generationenwohnen“ angesprochen, wie stellt die Gemeinde sicher, dass neue Wohngebiete oder Projekte soziale Integration und Gemeinschaftsförderung unterstützen?
Bei größeren Neubauprojekten, auch von privaten Investoren, legen wir großen Wert auf die Mischung von Wohnformen, die allen Generationen ein Zusammenleben ermöglichen. Zur Stärkung der Gemeinschaft eignen sich zusätzlich Gemeinschaftsflächen, gemeinsame Garten- und Parkanlagen, CarSharing-Modelle usw. Die modernen Bauträger haben diese Dinge auch längst standardmäßig in ihre Konzeptentwürfe eingebaut, was die Zusammenarbeit sehr erfreulich macht. Neben den Möglichkeiten in der Bauleitplanung fördert die Gemeinde zudem jede Art von Ehrenamt und hat Institutionen wie das Soziale Netzwerk e.V. geschaffen, die dafür sorgen, dass in der Gemeinde die soziale Integration und Gemeinschaftsförderung funktionieren.
Gibt es direkte Pläne zur Förderung von Gemeinschaftswohnprojekten, generationsübergreifendem Wohnen oder anderen alternativen Wohnformen?
Ja, im Rahmen des integrierten städtebaulichen Entwicklungsprojekts, welches derzeit in unserer Gemeinde durchgeführt wird, wurden unter anderem in der Bürgerbeteiligung solche Wohnformen angefragt. Die Gemeinde plant, diese Projekte zu fördern und mit Privatinvestoren umzusetzen. Auch die Reaktivierung von unternutzen Hofstellen könnte für die Schaffung von Mehrgenerationen-Wohnen geeignet sein, hier hoffen wir auf passende Anfragen.
Gibt es noch etwas, das Sie den Bürgern von Feldkirchen-Westerham in Bezug auf Wohnen und Wohnraumentwicklung mitteilen möchten, das bisher nicht angesprochen wurde?
Ich möchte die Bürger ermutigen, weiterhin aktiv an der Gestaltung unserer Gemeinde teilzunehmen. Ihre Meinungen und Vorschläge sind von unschätzbarem Wert und helfen uns, bessere Entscheidungen zu treffen. Außerdem möchte ich betonen, dass wir kontinuierlich nach innovativen Lösungen suchen, um die Wohnsituation zu verbessern und die Balance zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit zu wahren. Ich wünsche mir, dass sich unsere Bürger früher als bisher Gedanken über die eigenen Wünsche an die Wohnsituation in zehn bis 15 Jahren machen, damit diese dann auch erfüllt werden können. Einer der häufigsten Sätze bei mir am Tisch lautet: „Das rentiert sich für uns nicht mehr“, was nicht nur schade für die Senioren selbst, sondern auch für die nachfolgenden Generationen ist. Das Interview führte Timon Franz