Als ich auf der entzückenden Dachterrasse des Restaurants Bocca Nissa meinen ersten Saint-Germain-Spritz genieße, den mir der aufmerksame Garçon empfohlen hat, fühle ich mich bereits ein bisschen wie Grace Kelly in dem Filmklassiker „Über den Dächern von Nizza“ (1955). Hier oben mit Blick auf die Stadt verspürt man sofort den Charme vergangener Jahrzehnte, als Hollywoodstars, Jetsetter und Millionäre unter den typisch weiß-blauen Schirmen der Strandpromenade dem „Savoir-vivre“ frönten.
Genau dort, an der berühmten Promenade des Anglais, beginne ich meine Erkundungstour. Die sieben Kilometer lange Küstenstraße ist an der einen Seite vom azurblauen Meer gesäumt, an der anderen von pastellfarbenen Prachtbauten der Belle Époque. Das ist es auch, was die Metropole an der Côte d’Azur so attraktiv macht: Sie verbindet Badespaß und Großstadt-Flair mit Kultur und Historie. Kein Wunder, dass sie seit 2021 als „Winterurlaubsstadt an der Riviera“ zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
Ich bin mit meinem Studien-freund Daniel, der seit einigen Jahren hier lebt, am Beach-Restaurant Plage Beau Rivage zum Essen und Schwimmen verabredet (Sonnenliegen ab circa 25 Euro). Tipp: Badeschuhe wegen der Kieselsteine mitnehmen. Danach startet Daniel mit mir seine ganz private Stadtführung. Zuerst geht es vorbei am sagenumwobenen Hôtel Negresco, das 1918 seine Tore öffnete und seither zahlreiche Prominente beherbergt hat: Winston Churchill, Charlie Chaplin, Liz Taylor, Picasso und die Beatles etwa. Danach heißt es Treppensteigen! Unser Ziel: Der Aussichtspunkt Colline du Château, auf einem 92 Meter hohen Hügel über der Stadt. Von hier hat man einen atemberaubenden 360-Grad-Panorama-Blick über die Promenade des Anglais, die Engelsbucht, die Altstadt von Nizza und den Hafen, Port Lympia. „Bei Sonnenuntergang ist das der Romantik-Hotspot Nummer eins“, weiß Daniel. Ein Höhepunkt der malerischen Parkanlage ist ein künstlich angelegter Wasserfall, die Cascade, der im Sommer die erhitzten Gesichter mit seinem Sprühnebel herrlich erfrischt. Das Schloss von Nizza ist allerdings nur noch eine Ruine. 1706 hatte König Ludwig XIV (1638–1715) die Sprengung der Burg veranlasst.
Im 20. Jahrhundert ließen sich in Nizza zahlreiche Künstler nieder. Darunter Henri Matisse (1869–1954), dessen Werke im Matisse Museum (musee-matisse-nice.org) ausgestellt sind, oder Marc Chagall (1887–1985), dessen Sammlung man im Musée National Marc Chagall bewundern kann (musees-nationaux-alpesmaritimes.fr). Nach unserem Besuch am Schlossberg schlendern wir zur Villa Massena, deren Ausstellung die Stadtgeschichte erzählt, und freuen uns, dass wir den French-Riviera-Pass gekauft haben, der zahlreiche Rabatte und freien Eintritt in vielen Museen gewährt (Ein-Tages-Karte 28 Euro, Zwei-Tages-Karte 40 Euro, www. frenchrivierapass. com).
Abends bummeln wir durch die verwinkelten Gassen der Altstadt Vieux-Nice, beklatschen die Straßenkünstler am Cours Saleya und lassen den Abend in der Rooftop-Bar Farago on the Roof ausklingen – bei leckeren Cocktails und einer Wahnsinnsaussicht. Und während die Sonne über den keramikroten Dächern von Nizza langsam untergeht, fällt es mir sehr leicht, zu verstehen, warum Matisse und Chagall – und mein Kumpel Daniel – diese bezaubernde Stadt zu ihrem Sehnsuchtsort erwählten. Sarah Seiters