Ein Medium im Wandel der Zeit

von Redaktion

Das OVB als Spiegelbild der wachsenden politischen und gesellschaftlichen Pluralität

„Ein Blatt zur Belehrung und Unterhaltung von Jedermann“: Der Untertitel des Rosenheimer Anzeigers aus dem Jahre 1866 wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Und doch ist sein Inhalt auch heute noch brandaktuell. Der Anzeiger wollte auch vor über 100 Jahren schon ein Medium für alle sein: aus der Stadt für die Stadt. Von Lesern für Leser. Über die Jahre hat sich die heutige Stadt Rosenheim von einem kleinen oberbayerischen Marktfleckchen zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort entwickelt. Die Heimatzeitung ging mit und profitierte von verschiedenen Geschehnissen über die Jahrhundertwenden hinweg. Aber nicht nur das: Auch die Stadt zog ihren Nutzen aus dem anfänglichen Anzeigenblatt, das sich im Laufe vieler Jahrzehnte zu einem wegweisenden und zukunftsträchtigen Medienunternehmen entwickelt hat. Inwieweit konnte das heutige OVB aber Einfluss nehmen auf die Entwicklung der Stadt? Und hatte die Stadtentwicklung ihrerseits auch Auswirkungen auf den Verlag?

Die Verlagsgründung fiel in eine Zeit, in der die Eisenbahn nach Rosenheim gekommen war: 1857 war der Anschluss an das Bahnnetz geschafft und Rosenheim wurde zu einem wichtigen Knotenpunkt – auch für den internationalen Verkehr. Die Zeitungsgründung hing mit dem sich daraus ergebenden Aufschwung zusammen – und Zeitungsgründer Erasmus Huber wollte genau diesen mitnehmen.

Neue Einnahmequelle
entsteht

„Die Zeitung hat von der Stadt profitiert – und umgekehrt“, bestätigt Karl Mair. Er ist Erster Bürgermeister der Gemeinde Stephanskirchen, war lange Heimatpfleger für die Stadt Rosenheim und hat bereits für die Jubiläumsausgabe vor 20 Jahren eine umfangreiche Chronik zur Geschichte der OVB-Heimatzeitungen geschrieben. Er erklärt: „Die Wechselwirkung macht einen Teil der Entwicklung aus, nachdem es kein anderes Medium gab. Es war praktisch gültig, was in der Zeitung stand. Berichtet wurde auch aus den Sitzungen der kommunalen Gremien und über das wirtschaftliche Geschehen.“ Die Zeitung hat damit inhaltlich von der Stadtentwicklung profitiert und natürlich auch vom wirtschaftlichen Aufschwung.

Für den Zeitungsverlag ergaben die Inserate der örtlichen Geschäftswelt eine gute Einnahmequelle und zugleich erhielten viele Unternehmen mit der Zeitung eine attraktive Werbemöglichkeit. Vor allem der Einzelhandel und die Gastronomie haben hier profitiert, erzählt Karl Mair. Schon um 1900 stieg besonders in der Weihnachtszeit das Anzeigenaufkommen in den Zeitungsausgaben.

In den 20er-Jahren kamen dann große Anzeigen hinzu, zum Beispiel vom Kaufhaus Wilhelm, dem heutigen Galeria Karstadt. Die Zeitung profitierte von den Anzeigen und die Anzeigenkunden wiederum hatten die Möglichkeit, sich einer bestimmten Leserschaft zu präsentieren.

Zeitung als einzige
Informationsquelle

Die Zielgruppe war nicht immer dieselbe: Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Zeit der ersten Ausgaben waren sehr bürgerlich geprägt. Es gab verschiedene Schichten, viele Kaufleute und Handwerker, mit der Industrialisierung auch mehr Arbeiter. Wichtig zu wissen: Die Zeitung war damals das einzige Medium. Wenn man sich informieren wollte, ging das auf dem Markt oder im Dorfwirtshaus. „Eine Zeitung wurde deswegen von der ganzen Familie gelesen – vor allem auch, weil meist ein Fortsetzungsroman mit abgedruckt war. Auch die Anzeigen waren damals auf alle Altersgruppen zugeschnitten“, so Mair. „Vom Familienoberhaupt bis zur Hausfrau – die Zeitung war Medium für alle und wurde von breiten Kreisen gelesen. Was die internationale Politik anging, konnte man sich nur über die Zeitung informieren. Sehr früh gab es auch schon Beilagen für gewisse Berufs- und Zielgruppen, wie etwa den Bereich Landwirtschaft oder Tourismus.“

Nach der Rolle des Verlags für die Stadt Rosenheim gefragt, antwortet auch Stadtarchivar Dr. Christian Höschler: „Rosenheimer Zeitungen waren zunächst primär amtliche Mitteilungsblätter unter staatlicher Kontrolle. Erst 1874 wurde die Zensur aufgehoben und die Zeitung wandelte sich vom staatlichen Sprachrohr hin zu einer Zeitung, die das politische, soziale und kulturelle Leben umfassend dokumentierte – einem Spiegelbild der wachsenden politischen und gesellschaftlichen Pluralität.“ Der Rosenheimer Anzeiger, der eher wirtschaftsliberal geprägt war und damit eher den Fortschritt befürwortete, hatte dabei mehr Leser in der Stadt. Als konservatives Gegenstück war dazu 1871 von katholischen Kreisen das Konkurrenzblatt „Wendelstein“ gegründet worden, es wurde bevorzugt auf dem Land gelesen.

Regionales Geschehen
im Mittelpunkt

Über die Jahrzehnte hat sich der Rosenheimer Anzeiger dann – wie im Zeitstrahl auf den Seiten sechs und sieben dieser Jubiläumsausgabe zu lesen – rasant weiterentwickelt, hat über lokales Geschehen und Weltpolitik berichtet und das Leben in der Region Rosenheim mitgeprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zentralisierten die Amerikaner die Zeitungslandschaft.

„Allerdings konnten genau diese eher überregionalen Zeitungen in manchen Städten nicht überleben“, berichtet Karl Mair. Die Bevölkerung habe nach Aufhebung des sogenannten Lizenzzwangs für Zeitungen einfach wieder mehr die kleineren „alten“ Zeitungen gelesen. „In Rosenheim ist es der Führung des Oberbayerischen Volksblatts durch geschickte Geschäftspolitik gelungen, die kleinen Blätter wieder einzugliedern und alles unter einem Dach zu vereinigen“, weiß der Geschichtsexperte. Regionalausgaben wie der Wasserburger Anzeiger oder der Mangfallbote vermittelten den Lesern Lokalkolorit und Nachrichten aus dem direkten persönlichen Umfeld. Hier werde, so Mair, noch einmal besonders deutlich, wie bedeutsam die lokale Berichterstattung für die Leser ist – und wie umgekehrt der Verlag vom Interesse der Leserschaft an den Geschehnissen in der Region profitiert.

Eine spannende Wechselwirkung, die sich über die Jahrhunderte gehalten hat. Ein Medium für alle sind die OVB-Heimatzeitungen zu jeder Zeit geblieben und sind es noch heute.

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