Über 170 Jahre hinweg hat sich das Oberbayerische Volksblatt von einer staatlichen Wochenzeitung zu einem modernen, unabhängigen Medienhaus entwickelt. Viele Dinge und Abläufe haben sich aufgrund der geschichtlichen und technischen Entwicklungen komplett verändert. Doch es gibt einige Dinge, die sind (fast) noch wie damals. Ein Überblick:
Zeitung ist für alle da! Was heute selbstverständlich ist, war es viele Jahrzehnte lang nicht. Oft war sie nur reicheren oder gebildeteren Schichten zugänglich. Viele Menschen konnten sie sich schlicht nicht leisten – oder nicht einmal lesen. Dabei waren Zeitungen oder Amtsblätter oft die einzige Informationsquelle. Tagesschau, Internet oder Social Media waren Mitte des 19. Jahrhunderts noch reinste Science Fiction!
Der OVB-Vorgänger „Rosenheimer Anzeiger“ wollte anders sein. Weniger elitär. Zugänglich für alle, nicht nur für Reiche und Intellektuelle. So hieß es in der ersten Ausgabe vom 3. Januar 1864 gleich auf vorderster Seite – zum Teil noch in altertümlicher Schreibweise: „Für was soll denn solches Zeug gut sein? Gibt es nicht genug Zeitungen, und ist es nicht ein gefährliches Zeichen, dass jetzt sogar Bauern politische Zeitungen lesen? (…) Zeitungen studiren, können nur studirte Köpfe – Zeitungen lesen, sollen alle strebsamen Leute“. Ein durchaus moderner Ansatz für diese Zeit – und ein wichtiger dazu! So hieß es ab 1869 sodann unter dem Zeitungstitel „Ein Blatt zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann“.
Zum besseren Verständnis über das OVB und seine Vorgänger hier ein kurzer Rückblick: Ab 1833 erschien regelmäßig einmal wöchentlich das „Rosenheimer Wochenblatt“ – ein amtliches Mitteilungsblatt unter staatlicher Kontrolle. Ab 1864 wurde daraus der „Rosenheimer Anzeiger“ – ab 1875 mit täglicher Erscheinungsweise. Das „Oberbayerische Volksblatt“ erscheint seit 1945. Damals zunächst nur dienstags und samstags.
Ausgabe kostet drei
Kreuzer, Mass Bier vier Kreuzer
Interessant ist, dass es schon 1855 ein Abonnement des sonntäglichen „Rosenheimer Wochenblattes“ gab. 48 Kreuzer kostete es für ein halbes Jahr. Eine einzelne Ausgabe war für drei Kreuzer zu haben. Zum Vergleich: Ein Tagelöhner verdiente etwa 30 Kreuzer am Tag. Ein Mass Bier kostete vier Kreuzer. Gut vorstellbar, dass viele Arbeiter dem Bier den Vorzug gaben.
Man stelle sich das heute vor: Eine einzelne Zeitungsausgabe würde nur ein klein bisschen weniger kosten als ein Liter Bier im Wirtshaus.
Viele Dinge aus der frühen Zeit sind damals wie heute gleich: die Struktur und der allgemeine Aufbau, zum Beispiel. Die wichtigsten Nachrichten und Neuigkeiten sprangen den Lesern von Seite Eins mit großen Überschriften entgegen. Danach folgten Politik und Nachrichten aus aller Welt, aus Deutschland und aus der Region. Es gab Anzeigen, Veranstaltungshinweise, Vereins-News und Blaulicht-Meldungen von Polizei und Feuerwehr. Katastrophen interessierten die Menschen ebenso wie amtliche Bekanntmachungen.
Skurrile und
kaiserliche Meldungen
Eine äußerst skurrile Meldung aus dem Jahr 1892 wäre sicher auch heute eine Nachricht wert:
„Aus Paris wird geschrieben: Während einer Vorstellung im Theater Folies Dramatiques wurde eine Dame, die sich durch besonders starkes Lachen bemerkbar gemacht hatte, von plötzlichem starken Unwohlsein befallen. Man hatte kaum Zeit, sie in den Korridor hinauszutragen, wo sie denn auch einen kräftigen Knaben zur Welt brachte.“
Wenn heute der Bundeskanzler nach Rosenheim käme, wäre das mit Sicherheit ein großes Ereignis. 1897 war es freilich kein Kanzler, sondern der Kaiser, den die Rosenheimer mit einem Gedicht willkommen hießen: „In den Straßen wogt die Menge hochbewegt im Freudestrahl: Wilhelm kommt, der deutsche Kaiser! Hallt es froh allüberall. Sei gegrüßt uns Kaiser Wilhelm, sei gegrüßt uns immerdar! Hochverehrung fühlt ein jedes ächte deutsche Herz fürwahr.“
Übrigens hat der „Rosenheimer Anzeiger“ 1892 von eventuell außerirdischem Leben berichtet. In einer Meldung vom 30. Dezember ist folgendes zu lesen: „Gestern früh 4¾ Uhr wurde von dem Bahnwärter Kurz in Happing, ein am öffentlichen Himmel auftauchendes Meteor von außerordentlicher Schönheit und Lichtstärke beobachtet. Dasselbe hatte die Gestalt einer Kugel von der Größe des Mondes und übergoß die ganze Gegend taghell mit grünlichem Lichte; es bewegte sich langsam gegen Süden, wo es mit hörbarem Donner hinter den Wolken verschwand. Die Dauer der Erscheinung mochte ungefähr 20 Sekunden betragen.“
Selbstverständlich gibt es Dinge an der Zeitung und ihren Vorgängern, die sich im Laufe der Jahre verändert haben. Eine Zeitung komplett ohne Fotos etwa kann man sich heute nur noch schwer vorstellen. Nur Text-Spalten, keine Bilder: Im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dies normal. Ab 1900 tauchten vereinzelt die ersten spärlichen schwarz-weißen Fotos im „Rosenheimer Anzeiger“ auf. Erst Jahre später wurde dies zur Selbstverständlichkeit. Farbfotos gibt es seit Ende der 1960er-Jahre. Was sich noch verändert hat? Alles Digitale, natürlich. Was mühsam mit Schreibmaschinen getippt wurde, entsteht heute flott am Computer, teilweise mit Hilfe von künstlicher Intelligenz.
Digitalisierung auf
dem Vormarsch
Was früher ausschließlich gedrucktes Print-Erzeugnis war, kommt heute direkt aufs Tablet oder Smartphone. Die Druckverfahren sind andere, die Technik und die Schriften ebenfalls. Und auch der Preis, Währung und Umfang der Zeitung sind anders: Begonnen hat man mit vier Seiten, heute sind es weit über 30. Aus einer Auflage von 8000 Exemplaren wurden über 51000. Kosten pro Ausgabe 1945: 20 Pfennige. 1980 waren es 80 Pfennige. Heute gibt es die Wochenendausgabe für 2,80 Euro.
Die Mitarbeitenden wurden stetig zahlreicher. Die Artikel in den OVB-Heimatzeitungen spiegeln heute die freie Pluralität der Gesellschaft wider. Aus einem kleinen historischen Amtsblatt ist ein hoch modernes Medienhaus geworden – das Ziel ist jedoch dasselbe geblieben: eine Zeitung für alle Menschen anzubieten und die Menschen in der Region mit den wichtigsten Nachrichten aus der Region zu versorgen.
Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Unfold – History Marketing entstanden.