Digitale Helferlein im Gesundheitswesen

von Redaktion

Interview mit Prof. Dr. Sebastian Robert von der TH Rosenheim

Fortschritt im Gesundheitswesen geht immer schneller voran. Welchen Nutzen und welche Risiken können KI und Co. bringen? Prof. Dr. rer. pol. Sebastian Robert von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Rosenheim hat die drängendsten Fragen zu „Digital Health“ beantwortet.

Die elektronische Patientenakte oder KI bei der Krebsfrüherkennung – digitale Errungenschaften nehmen im Gesundheitswesen einen immer größeren Stellenwert ein. Sie haben Ihren Forschungsschwerpunkt auf „Digital Health“ gelegt – was ist für Sie so spannend daran?

Was mich besonders an diesem Forschungsfeld fesselt, ist das immense Potenzial zur Verbesserung der Patientenversorgung bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung des Gesundheitssystems.

Die elektronische Patientenakte beispielsweise ermöglicht eine bisher unerreichte Kontinuität der Versorgung über verschiedene Leistungserbringer hinweg. KI-gestützte Diagnoseverfahren, wie bei der Krebs-Früherkennung, versprechen eine Präzision, die menschliche Fähigkeiten in vielen Fällen übertrifft. Und Telemedizin, einschließlich Video-Sprechstunden, revolutioniert den Zugang zur medizinischen Versorgung, insbesondere in ländlichen oder unterversorgten Gebieten.

Darüber hinaus begeistert mich die Interdisziplinarität des Feldes. Digital Health vereint Expertisen aus Medizin, Informatik, Datenwissenschaften, Ethik und vielen weiteren Bereichen. Diese Konvergenz eröffnet völlig neue Perspektiven und Lösungsansätze für altbekannte Herausforderungen im Gesundheitswesen.

Sind Sie selbst als Patient schon einmal mit einem dieser neuen digitalen Felder in Berührung gekommen? Wie war die Erfahrung und was würden Sie gerne anders machen?

Ich hatte bereits persönliche Erfahrungen mit digitalen Gesundheitslösungen, allerdings viel weniger, als ich vor drei bis vier Jahren noch erhofft habe. Beispielsweise bei der Terminbuchung und der Übermittlung von Gesundheitsdaten konnte ich in einigen Fällen auf digitale Plattformen zugreifen.

Meine persönlichen Erfahrungen waren recht gemischt. Vor allem die Benutzeroberflächen sind noch nicht so intuitiv gestaltet, wie wir es aus anderen Bereichen gewohnt sind. Es gibt immer wieder kleinere technische Hürden, etwa bei der Übermittlung von Vitalparametern.

Was ich gerne verbessern würde, ist die Integration verschiedener digitaler Gesundheitsanwendungen. Es wäre äußerst nützlich, wenn meine Gesundheitsdaten aus verschiedenen Quellen – sei es von meiner Smartwatch, meinem digitalen Tagebuch oder früheren Arztbesuchen – automatisch in einer einzigen, sicheren Plattform zusammengeführt würden. Dies würde nicht nur die Qualität der Behandlung steigern, sondern auch eine ganzheitlichere Sicht auf meinen Gesundheitszustand ermöglichen.

Welchen Vorteil hat es für Patienten, wenn ihre Daten digital gespeichert sind?

Die digitale Speicherung und Abrufbarkeit von Patientendaten bringen zahlreiche Vorteile für die Patientinnen und Patienten mit sich.

Zunächst einmal ermöglicht sie eine bessere Kontinuität der Versorgung. Beispielsweise können Leistungserbringer – dazu zählen etwa Ärzte, Zahnärzte, Apotheken, Physiotherapeuten – schnell und unkompliziert auf die gesamte Krankengeschichte zugreifen, unabhängig davon, wo und wann vorherige Behandlungen stattgefunden haben. Dies reduziert die Gefahr von Informationslücken und ermöglicht eine ganzheitlichere Betrachtung des Gesundheitszustands.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Vermeidung von Doppeluntersuchungen. Wenn Befunde digital vorliegen, müssen Untersuchungen nicht unnötig wiederholt werden. Das spart nicht nur Zeit und Kosten, sondern schont auch die Patienten vor überflüssigen Belastungen.

Die digitale Verfügbarkeit von Daten verbessert zudem die Patientensicherheit. Allergien, Medikamentenunverträglichkeiten oder chronische Erkrankungen sind sofort ersichtlich, was das Risiko von Behandlungsfehlern minimiert. Auch in Notfallsituationen kann dies lebensrettend sein.

Welche Gefahren ergeben sich hinsichtlich des Datenschutzes?

Selbstverständlich müssen bei all den genannten Vorteilen der Datenschutz und die Datensicherheit höchste Priorität haben. Nur so kann das volle Potenzial der digitalisierten Patientendaten zum Wohle der Patienten ausgeschöpft werden.

Ein Hauptrisiko ist die unbefugte Offenlegung sensibler Gesundheitsdaten, wie wir es bereits in der Vergangenheit erlebt haben. Cyberangriffe oder Datenlecks können zur Veröffentlichung vertraulicher Patienteninformationen führen, was schwerwiegende Folgen für die Privatsphäre und das Vertrauen in das Gesundheitssystem haben kann.

Die Zweckentfremdung von Daten stellt eine weitere Gefahr dar. Ohne strikte Kontrollen könnten Gesundheitsdaten für nicht autorisierte Zwecke wie Marketingaktivitäten oder Versicherungskalkulationen missbraucht werden.

Nicht zuletzt besteht die Gefahr der Überregulierung: Zu strenge Datenschutzbestimmungen könnten wichtige Forschung und Innovationen im Gesundheitsbereich behindern. Hier gilt es, einen sinnvollen Mittelweg zu finden – eine große Herausforderung auch für die Politik.

In welchen Bereichen des Gesundheitssystems kann künstliche Intelligenz unterstützen und was kann man in Zukunft noch erwarten?

Die Potenziale für Künstliche Intelligenz in verschiedenen Bereichen sind teils enorm. In der Bildanalyse, etwa bei der Auswertung von Röntgen- oder MRT-Aufnahmen, zeigt KI bereits beeindruckende Fähigkeiten, oft mit höherer Genauigkeit als menschliche Expertinnen und Experten. Auch in der Diagnostik, besonders bei seltenen Krankheiten, kann KI durch Mustererkennungen in großen Datensätzen wertvolle Unterstützung leisten. In der personalisierten Medizin, etwa in der Onkologie, ermöglicht KI bereits jetzt in einigen Fällen präzisere Therapieempfehlungen basierend auf genetischen und anderen individuellen Faktoren.

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