Wie Kinder gesund sitzen und schreiben

von Redaktion

Rosenheimer Studie abgeschlossen – das können Eltern tun

In der Schule, bei den Hausaufgaben, am Tisch und vor dem Computer: Schon Grundschulkinder verbringen heute bis zu 60 Stunden pro Woche im Sitzen. Eine Entwicklung, die sich mit der Digitalisierung über die vergangenen Jahre immer weiter verstärkt hat – und fatale Folgen für die Kleinsten mit sich bringt. Schon am Frühstückstisch beginnt die schlechte Haltung und setzt sich beim Schreiben in der Schule fort. Hier geht es sogar so weit, dass sich falsches Sitzen auch negativ auf Schreibtempo und Schriftbild auswirkt. Die Rosenheimer Osteopathin Simone Lüders hat es sich deswegen schon seit Jahren zum Ziel gemacht, genau hier anzusetzen und Haltungsschwächen sowie Wirbelsäulenschäden von Anfang an entgegenzuwirken. Zusammen mit dem Biomechaniker Prof. Dr. Ansgar Schwirtz von der TU München, seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Kathrin Schmalzl und einem interdisziplinärem Team initiierte sie die Studie „Gesunde Schule“. Insgesamt 193 Kinder an acht verschiedenen Grundschulen in Stadt und Landkreis Rosenheim hat das Team über die vergangenen Jahre gesehen und analysiert.

So wichtig ist die
richtige Haltung

Die Ergebnisse und Erfahrungen liegen nun vor und bestätigen, dass Handlungsbedarf besteht – wie von Lüders zugrundegelegt. Wie wichtig der Ansatz generell ist, fasst Professor Schwirtz noch einmal zusammen: „In der Schule haben wir gleich zwei Probleme: Zum einen ein muskulär-orthopädisches Problem, wenn die Kinder schlecht sitzen. Und zum anderen die Tatsache, dass die Kinder beim Schreiben den Stift falsch halten und sich das wie ein roter Faden durch ihre ‚Karriere‘ zieht.“ Hieraus könnten sich fatale Spätfolgen für die orthopädische Gesundheit der Kinder ergeben. Und zudem würden die Kinder irgendwann wegen fehlender Schreibkompetenz auch hinterherhinken. Sportwissenschaftlerin Kathrin Schmalzl, ergänzt: „Wir haben bei der Studie ganz genau unterschieden zwischen Sitzen ohne Schreiben – wo es gut ist, dass die Kinder sich immer wieder bewegen, und dem Sitzen beim Schreiben. Hierbei sollten die Kinder nämlich stabil sitzen, damit die Schrift nicht beeinflusst wird.“ Simone Lüders erklärt: „Ein Kind, das Schreiben in der dritten Klasse noch nicht automatisiert hat, malt die Buchstaben, hinkt beim Schreibtempo hinterher und bleibt damit weit unter seinem Leistungspotenzial.“ Sie würde außerdem in ihrer Praxis sehen, dass die Kinder immer „schiefer“ werden. Im Kindergarten könnten sie den Mangel an Bewegung und das viele Sitzen noch ausgleichen. Ab der Schule wird das Leben allerdings weitaus inaktiver, die Kinder setzen sich vom Schul- an den Küchentisch und von dort aus mit Tablet oder Smartphone auf die Couch. Falsche Haltungen nehmen zu.

Hier kommen die Eltern ins Spiel. Das System sei generell immer angespannter und deswegen würde den Eltern eine größere Rolle bei der „Haltungskontrolle“ der Kinder zukommen, so die Rosenheimer Osteopathin. Das würde schon im Babyalter beginnen, indem man sein Kind erst dann hinsetzt, wenn es das auch wirklich aus eigener Kraft schafft. Eltern sollten einen Blick dafür entwickeln, wenn die Kinder anfangen würden, sich schief zu halten oder eben auch nicht gerade zu sitzen. Eine einfache Balanceübung mit einem Kissen auf dem Kopf könne hier zum Beispiel helfen, das Bewusstsein auch bei den Kindern selbst zu schulen.

Sobald der erste Schultag gekommen ist, sollte dann neben der aufrechten Haltung der Kinder das gesunde Sitzen und Schreiben im Vordergrund stehen und von den Eltern überprüft werden. Wie man einen Stift auch beim Malen schon richtig hält, können Kinder von Anfang an leicht erlernen. Vorausgesetzt, die Eltern wissen, wie die richtige Stift- und Schreibhaltung aussieht.

Wie aber nun die Eltern genau dabei unterstützen? Den Anfang macht das Wissen über die Problematik und die Aufmerksamkeit auf das richtige Sitzen und Schreiben zu lenken. Und wenn es nach dem Forschungsteam der „Gesunden Schule“ geht, soll dann weiterführend auch eine neue App ins Spiel kommen. Prof. Dr. Schwirtz erklärt: „Aufgrund der Ergebnisse unserer Untersuchungen in den Schulen würden wir gerne weiter forschen. Zusammen mit der TH Rosenheim möchten wir eine App zur Haltungsanalyse entwickeln und diese an die Eltern und Schulen herantragen.“

Haltung analysieren
mittels KI

Die Anwendung soll dann digital die Haltung von Kindern scannen, analysieren und Handlungsempfehlungen geben. Im Moment fehlt es noch an den nötigen Fördergeldern. Aber die Arbeit an der Idee hat das Forschungsteam zusammen mit den KI-Experten Sebastian Bayerl und Prof. Dr. Gerd Beneken von der TH Rosenheim bereits aufgenommen.

Und wie geht es weiter mit dem Forschungsprojekt? Die Studie „Gesunde Schule“ wurde vom Gesundheitsministerium und verschiedenen Stiftungen gefördert. Die Studienergebnisse hat das Team um Simone Lüders im vergangenen Jahr der EU vorgestellt und mithilfe der Unterstützung von Prof. Dr. Angelika Niebler, Mitglied im Europaparlament, soll daraus auf lange Sicht auch ein EU-Forschungsprojekt entstehen. In der Zwischenzeit können Eltern auch schon selbst darauf achten, ihre Kinder bei der richtigen Haltung im Alltag und vor allem beim Sitzen und Schreiben zu unterstützen – ein wichtiger Beitrag für die langfristige Gesundheit. Veronika Görlitz

Kinder gezielt unterstützen

Sitzen beim Schreiben:

• stabiles aufrechtes Sitzen

• Füße flach auf dem Boden

• Blatt oder Medium richtet sich nach dem Kind, nicht umgekehrt

• immer wieder räkeln, zwischendurch aufstehen

• Arme frei beweglich

• Dreipunktstifthaltung

Sitzen ohne Schreiben:

• Sitzposition darf wechseln, auch Lümmeln ist erlaubt

• Füße dürfen baumeln oder auf Stuhl abgestellt werden

• Arme dürfen verschiedene Positionen einnehmen

• nicht zu lange am Stück in derselben Haltung verharren

Sitzen generell:

• Beim Schreiben, Essen, Besteckhalten üben

• Mobiliar richtig einstellen (90° in Fuß, Knie und Ellbogen)

• Vorbild sein!

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