Reisen im Rollstuhl – was uns wichtig ist

von Redaktion

Ja, es erfordert Planung, wenn Rollstuhlfahrende auf Reisen gehen. Doch die körperliche Behinderung muss die Reiselust nicht einschränken – das zeigen Lilli und Bernhard.

Strandurlaub mit Rollstuhl? Das klappt oft nur (gr. F.), wenn Begleitpersonen tragen helfen.

Lilli Schickel geht bei der Auswahl ihrer Urlaubsziele bewusst sehr blauäugig heran. „Wir gucken mal, was wird, sage ich immer.“ Es ist ein erstaunlicher und erfrischender Satz, denn Lilli Schickel sitzt im Rollstuhl. Gucken, was wird: Das kann für sie ein Wagnis sein. Doch es bietet zugleich die Chancen auf Erlebnisse, die sich aus Gegebenheiten vor Ort heraus bieten.

So wie auf Mallorca. An einem Tag waren sie dort an der Playa de Palma unterwegs, der kilometerlangen Promenade südöstlich der Inselhauptstadt – und stießen auf einen Strandabschnitt, an dem auch Lilli Schickel gut baden konnte. Mit Platten auf dem Sand, auf denen sie bis ans Wasser kam. Mit Strandrollstühlen, in denen sie ins Wasser geschoben werden konnte. „Das war echt Zufall, dass wir ihn entdeckt haben.“ Ihr E-Rollstuhl wiegt um die 200 Kilogramm, er versinkt im Sand. An nicht barrierefreien Stränden bedeutet das: Ihre Begleitpersonen müssen sie herausheben und tragen. Oft helfen auch umstehende Leute, wenn man sie fragt, erzählt sie.

Die 23-Jährige reist gern und möchte sich nicht von ihrer Krankheit einschränken lassen: Sie hat spinale Muskelatrophie, Muskelschwund im Volksmund. Lilli Schickel kann nicht laufen, sie ist auf ihren Rollstuhl angewiesen – auch auf Reisen. Und kennt die Probleme, die auf Flügen, in Zügen oder in Hotels warten. Beim Fliegen zum Beispiel ist es mit der Ticketbuchung für Rollstuhlfahrer nicht getan. Diese müssen ihren Hilfebedarf bis 48 Stunden vor dem Flug anmelden und dafür spezifische Formulare ausfüllen. Welcher Batterietyp ist im Rollstuhl verbaut? Wie groß sind die Maße? Welches medizinische Übergepäck hat man dabei? Übergepäck ist kostenlos, Begleitpersonen müssen den vollen Ticketpreis zahlen. Schickels Tipp: Wer die Anmeldeprozedur vor einen Flug einmal erledigt hat, packt alle Daten und Dokumente digital in einen Ordner und hat diesen unterwegs parat. Denn es kommt immer wieder vor, dass die Airlines und Flughäfen sich nicht abstimmen, nochmals alles sehen möchten, erzählt sie aus eigener Erfahrung.

Innerhalb Deutschlands reist die Verwaltungsangestellte oft mit der Bahn. Denn Lilli wohnt zentral in München, hat es nicht weit zum Bahnhof. Im ICE oder IC bucht sie einen der Rollstuhlplätze, von denen es aus ihrer Sicht mehr geben könnte – nicht immer ist auf ihrer Wunschverbindung noch einer frei. Hinzu kommt: Bei den Fernzügen ist Schickel auf Einstiegshilfen angewiesen. Die Deutsche Bahn rät Rollstuhlfahrenden, den Einstiegsbedarf vor der Reise bei der Mobilitätsservice-Zentrale rechtzeitig anzumelden, auch wenn das nicht verpflichtend ist.

Gut zu wissen: Im Nahverkehr können schwerbehinderte Menschen mit Ausweis und entsprechender Wertmarke kostenfrei fahren, im Fernverkehr gibt es für sie bei der DB Ermäßigungen. Anders als in Flugzeugen können angemeldete Begleitpersonen in Deutschland in der Bahn kostenfrei mitfahren. Anderes Thema: Hotelzimmer. Auch die kann Lilli Schickel nicht nur danach auswählen, ob ihr Zimmer Meerblick hat. Auf Mallorca war Schickel einmal in einem Hotel, wo sie in kein Zimmer mit dem Rollstuhl hereinkam – obwohl sie über ein Buchungsportal etwas Barrierefreies gebucht hatte. Ihr Tipp: vorher anrufen, um solche Überraschungen zu vermeiden.

Auch Bernhard Endres hat seine ganz persönlichen Reise-Erfahrungen gemacht. Der 63-Jährige ist beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter im Fachteam Tourismus tätig, reist gern und hat selbst mal eine barrierefreie Unterkunft vermietet. Seit einem Unfall Ende der 1980er-Jahre sitzt Bernhard im Rollstuhl. Bei der Auswahl der Bleibe ist sein Credo: „Bilder sagen oft mehr als tausend Worte.“ Endres hat eine kleine Liste von Fragen notiert, die er stets an den Anbieter schickt, wenn er sich unsicher ist, ob die Unterkunft das bietet, was er braucht. Sein Tipp: konkret nachhaken und Fotos nachfordern.

„Die Ausstattung des Sanitärbereichs, vor allem ebenerdige Duschen und unterfahrbare Waschbecken, sind häufige K.-o.-Kriterien“, sagt er. Wie die Höhe der Matratzenoberkante, da viele mobilitätsbehinderte Menschen Hilfe beim Übersetzen ins Bett und zurück in den Rollstuhl benötigen. Vorbildlich findet Endres hier die Plattform Airbnb – mit sehr bildreichen Inseraten und mehr als zwei Dutzend Filter-Checkboxen rund um die Barrierefreiheit.

Persönlich reist Bernhard Endres gern nach Frankreich. „Meine Frau und ich gehen gern campen.“ Nicht in Zelten, sondern in barrierefreien Mobilheimen. In Deutschland dagegen bündelt das Projekt „Reisen für alle“ im Internet barrierefreie Angebote von Unterkünften bis zu Aktivitäten – je nach Region gibt es eine beachtliche Auswahl. Eine weitere Anlaufstelle im Netz ist das Portal „Leichter reisen“, ein Zusammenschluss deutscher Tourismusregionen, das barrierefreie Sehenswürdigkeiten, Unterkünfte und Aktivitäten listet. So werden etwa für das Fränkische Seenland mehrere Handbike-Touren gelistet.

Zurück zu Lilli Schickel: Sie urlaubt übrigens am liebsten nicht am, sondern auf dem Meer: 16 Kreuzfahrten hat sie schon gemacht, allesamt mit Aida Cruises. Die Schiffe sind nach ihren Erfahrungen überdurchschnittlich barrierefrei, es gibt spezielle Rollstuhlkabinen. Einschränken lassen, wenn es um ihre Reiseziele geht, will die junge Frau sich jedenfalls nicht. „Allgemein gehe ich da, mit Absicht eigentlich, schon sehr naiv rein.“ Nur zwei Fragen sind dann für sie relevant: „Was gefällt mir? Was will ich sehen?“ Tom Nebe/dpa