„Wo würde Jesus geboren werden, wenn er dieses Jahr hier in unserer Region auf die Welt käme?“, komme ich mit einem aufgeweckten Schüler ins Gespräch. „Und wer wären die Hirten heutzutage?“ Diese Fragen bringen mich zum Nachdenken.
Ich erinnere mich an eine besondere Krippe, die ich damals zu meiner Ausbildungszeit in Nürnberg gesehen habe: Das Jesuskind kam in einer Bushaltestelle von heute auf die Welt, die Hirten waren Obdachlose und andere Menschen von der Straße. Gebannt blieb ich bei dieser Krippe stehen, denn Weihnachten wurde hier anders dargestellt, so real in unserer heutigen Welt.
Dass Weihnachten real und lebendig wird, war Angelus Silesius wichtig. Er schrieb: „Wenn Jesus tausendmal in Bethlehem geboren wäre, aber nicht in dir, so wärst du verloren.“
Ja, Jesus möchte in jeder und jedem Einzelnen von uns geboren werden. Er möchte uns das Licht von der Heiligen Nacht für jeden Tag in unserem Leben schenken. Und dies kann auf ganz unterschiedliche Weise spürbar und erfahrbar werden. Manchmal laut und für alle sichtbar, aber wohl oft leise und nur für wenige erkennbar.
Auf den nächsten Seiten können Sie lesen, in welchen Orten in unserer Region das Wunder von Weihnachten hautnah spürbar wird. So wird beim Musizieren, Lesen oder beim Krippenspiel die weihnachtliche Freude weitergegeben. In der Familie, mit Freunden, in der Stadtbibliothek und an vielen anderen Orten leuchtet das Licht von Weihnachten auf. Entdecken Sie in dieser Weihnachtsbeilage die vielfältigen Projekte und Aktivitäten, die vielen Menschen hier und heute Hoffnung schenken.
Weihnachten ist nämlich nicht an einen historischen und fernen Ort gebunden oder an eine frühere Gruppe von Menschen. Der Zauber von Weihnachten möchte uns alle berühren und zusammenhalten.
Gott hat eine jede und einen jeden von uns wunderbar geschaffen, wie es in der Bibel heißt (Psalm 139, 14). Besondere Gaben und Talente hat Gott uns allen mitgegeben und geschenkt. Wenn wir diese auch für andere einbringen, kann das Licht von Weihnachten besonders hell aufleuchten – in gelebter Gemeinschaft.
Bei uns in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Mühldorf am Inn gibt es seit Jahren einen Adventskoffer, der jedes Jahr wieder auf Reisen geht. In ihm sind die hochschwangere Maria auf einem Esel mit ihrem Josef als Krippenfiguren dargestellt. Jede Nacht bitten sie um Herberge bei einem anderen Haus. Im Koffer befindet sich auch ein Reisetagebuch. Die Menschen, die Maria und Josef aufnehmen, schreiben ihre Gedanken und Gefühle ins Reisetagebuch. Tief berührende Texte sind dort zu lesen, auch farbenfrohe Einträge von Kindern zu entdecken.
An Heiligabend erwarten wir den Adventskoffer in unserer Erlöserkirche. Keiner weiß, wann die Heilige Familie bei wem unterkam. Nichts ist im Voraus gebucht und doch funktioniert es. Sie finden Herberge, weil fremde Menschen ihr Herz öffnen und dadurch werden sie selber reich beschenkt.
Es freut mich sehr, zu lesen, dass in unserer großen Region viele Menschen anderen eine Weihnachtsfreude ermöglichen.
Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich eine friedvolle und segensreiche Weihnachtszeit und ein gesundes Neues Jahr!
Ihre Pfarrerin
Anita Leonhardt