Weihnachtszauber zwischen Buden und Glühwein

von Redaktion

Auf den großen, kommerziellen Weihnachtsmärkten schieben sich gerade an den Wochenenden oft dicht gedrängt Menschen über den Markt, ärgern sich nicht selten über die Preise für Glühwein und Bratwurst. Schlange stehen vorm Glühweinstand, Musikgedudel und ein Meer aus blinkenden LED-Lichtern lassen nicht überall Besinnlichkeit aufkommen. „Heimelig“ geht anders.

Wesentlich gemütlicher geht es auf den kleineren Weihnachtsmärkten in der Heimatregion zu, die auf herausgeputzten historischen Stadtplätzen oder in Pfarrhöfen stattfinden: Wenn die dezenten Lichter angehen, vielerorts Alphörner den Prolog des Christkinds einleiten, kommt sie dann doch auf, diese ganz besondere Weihnachtsstimmung: Alle Jahre wieder!

Laut einer Umfrage der Marktforscher von YouGov gaben 61 Prozent der Deutschen dieses Jahr an, dass sie einen Weihnachtsmarkt besuchen wollen. Nur 32 Prozent zeigten keinerlei Interesse. Gabi Reiter gehört definitiv zu den 61 Prozent. Für sie könnte es das ganze Jahr über Weihnachten sein. Sie liebt alles, was mit Weihnachten zu tun hat. Seit 2010 organisiert sie federführend den Christkindlmarkt in Aschau am Inn, der mittlerweile 42 Stände umfasst.

Es geht darum, Teil der
Gemeinschaft zu sein

Als im vergangenen Jahr das Schneechaos den Markt unter sich begrub, kamen an die 100 Helfer mit Schneeschaufeln, einige rollten mit Bulldogs an und befreiten den Markt von den Schneemassen: „Da habe ich tatsächlich geweint!“, gesteht sie.

Die Hilfsbereitschaft ebenso wie die Arbeit ihres „Superteams“, ohne das sie die Organisation gar nicht leisten könnte, hat für sie nur einen Grund: „Es geht darum, Gemeinschaft zu erleben, Teil von etwas zu sein!“ Das kann Ludwig Weinzierl von den Erhartinger Hüttenfreunden nur bestätigen. Der Verein wurde eigens aus der Taufe gehoben, um der Organisation der Erhartinger Bergweihnacht einen offiziellen Rahmen zu geben.

Hier wie dort stehen Heimat, Brauchtum und Regionalität im Vordergrund. Die Stände werden oft von Vereinen betrieben, die ihren Erlös spenden oder für die Vereinsarbeit nutzen. Bei der Auswahl weiterer Anbieter legen die Veranstalter großen Wert darauf, dass die Händler allesamt nützliche Gegenstände anbieten und auch aus der Region kommen. Beliebte Artikel sind etwa Honig-, Holz- oder Strickwaren.

„Das Schöne ist, dass man sich kennt und trifft“, schwärmt Hildegard Brader, Organisatorin des Garser Christkindlmarkts. Gerade die familiäre Atmosphäre mache den kleinen Markt so besonders. „Ortsansässige Musikgruppen, Vereine und Hobbykünstler schaffen ein authentisches und heimeliges Ambiente, das durch das warme Licht auf dem Marktplatz perfekt in Szene gesetzt wird“, findet Brader. So herrschte dieses Jahr trotz des launigen Wetters reges Treiben. Für die Organisatorin ein Zeichen, dass auch kleine Weihnachtsmärkte eine große Anziehungskraft haben.

„Christkindlmärkte sind ein Ort der Begegnungen“, bestätigt auch Kunsthandwerker Wolfgang Potocki aus Taching am See. Mit seinen kunstvoll gedrechselten Schalen und Gewürzmühlen ist er seit Jahren auf Weihnachtsmärkten in der Region unterwegs. Noch immer empfindet er es als etwas ganz Besonderes, wenn er spürt, dass Menschen sich vom Weihnachtszauber berühren lassen.

Regionales Handwerk
statt Massenware

Dass leider meist der Glühwein im Fokus steht, ist für ihn als Kunsthandwerker nicht immer leicht: Skeptisch blickt er auf Weihnachtstouristen, die mit dem Bus von Markt zu Markt gefahren werden, beziehungsweise von Glühweinstand zu Glühweinstand pilgern. „Da bleibt oft keine Zeit, in Ruhe die Arbeiten der ortsansässigen Kunsthandwerker wertzuschätzen“, bedauert er.

Auf großen, stark kommerziell ausgerichteten Märkten gibt es dann auch Stände mit Massenware aus Fernost. Bettina Schranner, Glaskunsthandwerkerin aus Niederbergkirchen, sieht zudem, dass die Standgebühren der großen Märkte für viele Kunsthandwerker unbezahlbar geworden sind.

Leider können kleine Christkindlmärkte diese Misere nicht immer abfangen, wie Bernd Bechthold aus Rosenheim erzählt. Er verkauft seine Holzschnitzereien den Winter über auf verschiedenen Christkindlmärkten: „Auf den kleinen Christkindlmärkten macht man leider nicht den Umsatz und auch die Öffnungszeiten sind oft nicht ideal.“ Bettina Schranner ist dennoch Jahr für Jahr dabei: „Da geht es aber mehr um die Gemeinschaft und nicht ums Geschäft.“ Vorher dürfen die Schulkinder in ihrer Werkstatt Glassterne und -bäumchen gestalten. Die Einnahmen der Schüler-Bastelarbeiten werden zu 100 Prozent an verschiedene Einrichtungen gespendet.

Selbst die „Deifen“
verbinden

Nicht wegzudenken von den Christkindlmärkten sind die Auftritte der Raunachtgestalten, die bei vielen eine wohlige Angst und Faszination verbreiten. Krampus und Perchten sind dabei nicht das Gleiche, wie Andreas Wurm und Anton Gnadl von den „Dobe Boch Deifen“ aus Waging erklären: „Ein Krampus hat nur zwei Hörner und begleitet den Nikolaus, während die Perchten zu den Raunächten vom 21. Dezember bis zum 6. Januar laufen. Perchten tragen oft fünf bis sechs Hörner.“ Der Verein möchte Brauchtum vermitteln, dabei aber nicht Angst und Schrecken verbreiten: „Die Kinder sollen Respekt haben, aber keine schlaflosen Nächte“, betont Anton Gnadl.

Besonders stolz ist der Verein auf seine moderne Interpretation des Brauchtums. „Bei uns tragen auch Mädels ein Krampus-Kostüm, was in anderen Vereinen ein absolutes No-Go ist“, so Anton Gnadl. „Wir sind bunt gemischt und wollen vor allem den jungen Mitgliedern zeigen, dass es nicht ums ‚Zuadreschen‘ geht, sondern um Respekt und Brauchtumspflege.“ Das jüngste Mitglied der „Dobe Boch Deifen“ ist gerade mal neun Jahre alt.

Leider beruht das mit dem Respekt nicht immer auf Gegenseitigkeit. Es gebe Zuschauer, die in die Maske greifen oder Schneebälle in das beengte Sichtfeld werfen: „Da können die schlimmsten Verletzungen passieren“, sagt Gnadl. Besonders gefährlich wird es, wenn jemand an den Hörnern zieht oder die schweren Masken von hinten anhebt. „Die Schädel sind mit Gurten festgemacht und haben ein gewisses Gewicht. Wenn da jemand hinten vorgreift, kann dir das Genick verdreht werden“, warnt der Chef der Gruppe. Um solche Vorfälle zu vermeiden, setzen die „Dobe Boch Deifen“ auf eigene Ordner. Besonders bei größeren Läufen, bei denen viele Gruppen und Zuschauer zusammenkommen, seien diese notwendig.

Die Auflagen für Perchtenläufe werden ebenfalls immer strenger. In Österreich seien teilweise nur noch Rossschweife statt Birkenruten erlaubt. Grund dafür seien Gruppen, die Brauchtum missbrauchen und für negative Schlagzeilen sorgen. Er vertraut jedoch darauf, dass die meisten Zuschauer kommen, um die gemeinsame Tradition zu erleben und natürlich, um das ein oder andere Foto mit den Perchten zu machen.

Sicherheitskräfte im
Weihnachtszauber

Für die allgemeine Sicherheit sorgt natürlich auch die Security. Während Besucher über den Wasserburger Christkindlmarkt schlendern, beginnt für die Jahn Security die Arbeit dann, wenn die letzten Glühweinstände schließen. „Dann passen wir bis in der Früh auf den Markt auf“, erzählt Christian Menzl, Inhaber von Jahn Security. Nicht immer bleibt es ruhig: „Manchmal versuchen Betrunkene, gegen Hütten zu treten oder versuchen, einen Christbaum mitzunehmen.“

Dem Zauber der weihnachtlichen Stimmung können sich aber auch die Securityleute nicht entziehen. Die verwinkelte Altstadtlage macht den Markt besonders und auch sicherer als größere Märkte, so die Einschätzung des Sicherheitsexperten. „Man bleibt stehen, ratscht ein bisschen und nimmt die besondere Stimmung mit. Wasserburg bietet da dieses klassische, gemütliche Christkindlmarkt-Feeling, wie es sein sollte.“ Für ihn ist Weihnachten in einem Wort zusammengefasst: „Gemütlichkeit“.

Suna Kiesel/Katharina VähniNg

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